Der KIL-O-Meter Adventskalender 2017

Alles was überhaupt nicht in die anderen Kategorien reinpasst kann man hier loswerden. Das muss auch nicht unbedingt etwas mit Abnehmen zu tun haben.

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15. Dezember

Beitrag von sweetums » 14.12.2017, 22:53

Kapitel 14
13. Dezember

Tina saß etwas verloren in der Halle. Sie hatte ihren Malblock und Stifte mitgebracht, aber sie malte nicht. Sie beobachtete Nina, die mit strahlendem Lächeln aus der Küche kam und in Richtung Treppe ging. Manuel grinste auch schon den ganzen Morgen. Und es war noch kein Geschirr zu Bruch gegangen. Das hatte ihre Mami wieder gut hinbekommen. Aber so richtig freuen konnte sich Tina darüber nicht. Sie wollte, dass auch Mami so ein Lächeln im Gesicht hatte. Da kam ihr eine Idee. Warum malte sie nicht einen Wunschzettel für den Weihnachtsmann. Der konnte doch sicher helfen. Aber wohin dann mit dem Wunschzettel?

Tina war noch tief in ihre Gedanken versunken, als Anne in die Halle kam. Sie musste nachsehen, ob auch alles für die Adventskalenderaktion bereitlag. Eigentlich hatte sie für heute etwas anderes geplant, aber das Wetter ließ es nicht zu. Gut, dass niemand wusste, dass sie einen Teil der Türchen erst am Tag vorher befüllte. Im großen Saal lag alles bereit und Anne war gespannt, wer von den Gästen mitmachen würde.
Es war interessant, wie neue Gäste auf das Angebot reagierten. Zurzeit waren viele ältere Gäste da und einige jüngere Paare. Aber in zwei Tagen würde es einen Wechsel geben und viele Familien mit kleinen Kindern würden Einzug halten. Darauf freute sich Anne schon. Noch einmal richtig Leben im Hotel, bevor der Abschied kam.

Die Gäste waren gespannt, was es wohl diesmal für ein Angebot hinter dem Türchen gab. Frau Liebmann durfte es öffnen. Sie war eine alte Dame von fast 90 Jahren, ein Stammgast. Anne kannte sie schon, solange sie denken konnte. Ein Gast, den sie besonders vermissen würde. Frau Liebmann gab ihr den Zettel, denn ihre Augen waren nicht mehr so gut, deshalb konnte sie ihn nicht selber lesen. Anne las vor: „Im Großen Saal hängen Tannengirlanden und Tannenzweige. Sie warten darauf dekoriert zu werden. Wer hat Lust, bei Kakao und Keksen kreativ zu sein?“
Sie faltete den Zettel wieder zusammen und ergänzte: „Natürlich gibt es auch Kaffee und Tee. Wer einfach nur dabei sitzen mag, ist auch herzlich eingeladen. Für die neuen Gäste möchte ich noch sagen, dies ist alles freiwillig. Einfach nur ein Angebot im Advent.“
Ein älterer Herr sah auf seine Finger, dann zu Anne: „Also mit den Fingern kann ich keine Sterne basteln, aber ich könnte vielleicht..“ verlegen brach er ab. Seine Frau schmunzelte und fuhr für ihn fort: „Er könnte vielleicht ein paar Weihnachtslieder für uns oder mit uns singen. Mein Mann ist Tenor an der Oper in Berlin.“ Begeistert wurde dieser Vorschlag angenommen und fast alle Gäste folgten Anne in den Großen Saal.

Es wurde gebastelt, was es nur zu basteln gab, Glöckchen, Sternchen, kleine Engel, Papierketten und vieles mehr. Geduldig erklärte Anne die Bastelarbeiten, half hier und dort und später, als gesungen wurde, erklang ihr schöner, klarer Sopran gemeinsam mit den vollen Tönen des Tenors. Zuerst hatte Anne es gar nicht bemerkt, aber die Gäste hatten nach und nach aufgehört und nur Herr Leinhaus, der Tenor und sie sangen noch. Dann verlangten die Gäste sogar eine Zugabe. Anne musste lachen. Sie hatte schon immer gern gesungen, aber um Zugabe hatte noch niemand gebeten. So wurde es ein schöner Nachmittag und die Gäste hatten viel Freude.

Am Abend war Anne so erschöpft, dass sie fast ungeduldig geworden wäre, als Tina zu ihr ins Schlafzimmer kam. „Du solltest doch schon seid Stunden schlafen“, sagte sie. „Mami, ich hab einen Wunschzettel gemalt. Für den Weihnachtsmann. Aber ich weiß nicht, wohin ich den tun soll. Wo tun andere Kinder den denn hin? Soll ich ihn vor mein Fenster legen? Oder einfach in den Briefkasten? Hast du eine Idee Mami? Bestimmt haben andere Kinder auch Wünsche an den Weihnachtsmann.“ Tinas Blick sprach von Vertrauen und dem Glauben, ihre Mami würde alles können. Anne überlegte, was sie antworten sollte, ihr fiel aber nicht wirklich etwas Hilfreiches ein. „Pass auf Tina, ich werde darüber nachdenken und dir morgen sagen, was wir da machen können. Ist das für dich in Ordnung?“ Tina schlang Anne die Arme um ihren Hals. „Ich wusste, dass dir etwas einfällt. Gute Nacht Mami. Ich hab dich lieb.“ „Ich hab dich auch lieb. Schlaf gut.“ Tina hüpfte fröhlich aus dem Zimmer und Anne stöhnte leise. Morgen würde Tina eine brillante Idee von ihr erwarten. Sie musste nachdenken. Aber sie war viel zu erschöpft dazu. So schickte sie ein Stoßgebet zum Himmel: „Herr, bitte hilf mir.“
Würde ER ihr eine Idee schenken? Dann schlief sie ein.
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Beitrag von sweetums » 15.12.2017, 23:40

Kapitel 15
14. Dezember

Sebastian war schon um fünf Uhr aufgestanden. In seinem Kopf kreisten die Gedanken und deshalb hatte er nicht schlafen können. Aber nun hatte er eine Entscheidung getroffen. Zum ersten Mal in seinem Leben würde er ein Geschäft sausen lassen. Schlimmer noch, er plante sogar Geld auszugeben, statt es zu verdienen. Das Einkaufszentrum wurde vorerst nicht gebaut. Er hatte sich entschieden.
Sebastian fuhr ins Büro und legte seiner Sekretärin eine Liste mit Aufgaben auf den Schreibtisch. Sie würde sich um alles kümmern. Er selber würde einkaufen gehen. Später würde er sich dann mit dem Vorstand des Abenteuer-Spielplatzes treffen.

Als Sebastian gegen 10 Uhr am Spielplatz ankam, war er unsicher. Er konnte hart verhandeln, aber was er jetzt vorhatte, war Neuland. Als er gerade dabei war, die Tüten aus seinem Auto zu holen, kam ein Mann auf ihn zu. Es war der 1. Vorsitzende, der sich als Peer Stahl vorstellte. „Kann ich ihnen beim Tragen helfen?“ Gern gab Sebastian ihm ein paar Tüten in die Hand. Vielleicht hatte er ja ein wenig übertrieben. Als er im Kaufhaus war, hatte er so vieles gesehen, was ihm gefiel. Und weil er sich nicht entscheiden konnte, hatte er alles gekauft.
Herr Stahl bat ihn in das kleine Büro. Sebastian sah sich unauffällig um. Das Büro war kleiner als das seiner Sekretärin. Aber es war sauber und aufgeräumt. „Was kann ich denn für sie tun, Herr Hausmann?“ Diese Frage riss Sebastian aus seinen Gedanken.

„Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, Herr Stahl. Eigentlich habe ich den ganzen Grund und Boden hier gekauft, weil ich ein Einkaufzentrum bauen wollte. Aber dann sah ich die Kinder und konnte ihnen nicht den Spielplatz wegnehmen. Vielleicht halten sie mich jetzt für ein Weichei, aber es ist einfach so. Sie können hier auf dem Gelände bleiben und sich weiter um die Kinder kümmern.“ Erstaunt hatte Herr Stahl zugehört. Er fragte sich, was wohl die Ursache dieser Entscheidung gewesen sein könnte. Aber fragen wollte er nicht. Er war froh, dass sie bleiben konnten. Für viele der Kinder war der Spielplatz ein Zuhause. Hier bekamen sie die Geborgenheit, die sie zu Hause oft nicht bekamen. Sebastian hatte angefangen, in den Tüten herumzusuchen. Dann holte er einen Schokoladenweihnachtsmann heraus. „Davon habe ich 50 Stück gekauft. Reicht das für alle Kinder? Außerdem habe ich auch noch Mandarinen, Nüsse und Lebkuchen besorgt. Meinen sie, die Kinder freuen sich darüber?“ Sebastian war vollkommen unsicher. Aber Herr Stahl schien es nicht zu bemerken. „Da werden sich die Kinder aber freuen. Haben sie vielen Dank.“ „Gern geschehen“, erwiderte Sebastian. Leider muss ich jetzt gehen. Falls sie mal Unterstützung brauchen, melden sie sich bitte bei mir.“ Sebastian verabschiedete sich und floh förmlich aus dem Büro. Er kam mit diesen ganzen Gefühlen einfach nicht zurecht. Aber um die Gefühle zu analysieren, fehlte ihm auch die Zeit.

Im Hotel war Anne gerade dabei mit einem Lieferanten zu telefonieren, als Tina durch die Tür gepoltert kam. „Mama hast du …“, fragte sie und brach abrupt ab, als sie sah, dass ihre Mama telefonierte. Brav setzte sie sich auf einen Stuhl und baumelte mit den Beinen. Das hatten Chris und sie schon früh gelernt. Wenn Mama im Büro telefonierte, war für sie erst einmal Funkstille. Endlich war Anne fertig und legte den Hörer auf. „Mama hast du eine Idee wegen dem Weihnachtsmann?“ „Tina, ich hab da eine Idee, aber darüber muss ich vorher noch mit jemand reden. Das kann ich aber erst heute Abend. Kannst du dich noch ein wenig gedulden? Spätestens morgen beim Adventskalender kann ich es dir sagen ok?“ Tina schmollte. „Komm mal her, meine Kleine.“ Folgsam rutschte Tina von Stuhl und ging zum Schreibtisch. Zuerst gab Anne ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn, dann fragte sie: „Was gefällt dir daran denn nicht?“ „Weil es dann alle wissen. Und es war doch meine Frage.“ Tina hatte ganz leise gesprochen, aber Anne konnte die Traurigkeit in ihrer Stimme gut hören. „In Ordnung, wir machen einen Deal. Wenn ich alles geklärt habe, dann sag ich es dir, aber du darfst es niemandem erzählen.“ Nachdenklich kaute Tina an ihrer Unterlippe. „Auch Chris nicht?“, fragte sie. Anne seufzte. Es war schon seltsam mit den Kindern. Manche Tage hatte man das Gefühl sie könnten sich nicht leiden und dann wieder hielten sie zusammen, wie festgeklebt.“ „Chris darfst du es sagen, aber sonst niemand, verstanden?“ Tina strahlte. Gerade wollte sie schon hinauslaufen, da fiel ihr etwas ein. „Hier, ich hab dir ein neues Bild gemalt, für deine Wand.“ Stolz hielt sie ihr ein Bild entgegen, dass sie aus ihrem Malblock gezogen hatte. Interessiert sah sich Anne das Bild an und fragte sich im Stillen, welche Fabelwesen Tina dann hier gemalt haben könnte. Aber bevor sie noch fragen konnte, erklärte Tina ihr: „Das ist das Eichhörnchen, das immer auf dem Baum vor meinem Fenster sitzt und das ist die Familie vom Eichhörnchen.“ „Das ist wunderschön, danke mein Schatz.“ Anne nahm sich Klebestreifen und befestigte das Bild an der einen Wand ihres Büros. Dort hingen schon sehr viele Bilder. Es waren Bilder ihrer Kinder, aber auch von Kindern der Hotelgäste. Eine richtige Bildergalerie hatte sie dort hängen.

Chris kam herein. Seine Wangen waren rot von der Kälte, aber er strahlte. „Mama, ein paar Jungen gehen heute Nachmittag ins Kino, darf ich mit.“ Anne sah ihn lächelnd an, dann machte sie seine Stimme nach und sagte: „Oh liebe Mama, guten Tag. Ich bin aus der Schule zurück und freue mich ja so dich zu sehen. Darf ich dich umarmen und dir einen Kuss geben, bevor ich von meinem Tag berichte?“ Tina kicherte und Chris sah etwas verdutzt aus. Anne lachte und ging auf ihn zu. Sie struwelte durch sein Haar und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. „Was wollt ihr euch denn ansehen? Vielleicht Dracula und die Weihnachtswichtel?“ Nun lachte auch Chris. „Nein Mama es läuft die Muppets Weihnachtsgeschichte.“ „Ja du kannst mitgehen. Soll ich dich dann vom Kino abholen? Ich möchte nicht, dass du in der Dunkelheit allein gehst.“ „Der Vater von Samuel fährt mich nach Hause.“ Nachdem das geklärt war, gingen sie gemeinsam in ihre Wohnung. Das Essen stand schon auf dem Tisch und Tina verzog den Mund. „Rosenkohl?“, stöhnte sie. Das war nicht gerade Tinas Lieblingsessen. Aber keiner reagierte auf ihr Stöhnen. Sie würde ihn essen und hinterher sagen, dass er so schlimm ja doch nicht war. Beim Essen erzählte jeder von ihnen, was er am Vormittag so erlebt hatte und was am Nachmittag anlag. Anne liebte diese Zeit mit ihren Kindern und sie würde sie gegen nichts tauschen wollen. Plötzlich fiel ihr etwas ein. „Chris, dann bist du ja heute beim Kalender gar nicht dabei.“ Chris überlegte einen Augenblick, dann meinte er. „Ach das macht nichts. Man kann ja nicht alles haben.“

Nachdem Chris fröhlich Richtung Kino verschwunden war, trafen sich alle, die wollten vor dem Adventskalender. Frau Leinhaus durfte das Türchen öffnen und den Zettel lesen. „Heute wollen wir gemeinsam eine Weihnachtsgeschichte erfinden. Dafür darf jeder Teilnehmer ein oder zwei Worte auf einen Zettel schreiben. Viel Spaß.“ Anne lächelte in die fragenden Gesichter. „Das ist ganz einfach, wir machen es uns im kleinen Saal gemütlich, mit Keksen und heißen Getränken. Die Zettel werden gut sichtbar an eine Pinnwand gehängt und dann starte ich die Geschichte. Dann ist die oder der Nächste dran. Man nimmt einen Zettel und versucht das Wort sinnvoll einzubringen. Das kann sehr lustig werden.“ Dieses Mal hielten sich einige Gäste etwas zurück. Anne sagte ermutigend: „Niemand muss etwas erzählen. Man kann auch einfach mitkommen und zuhören.“

So war es eine große Schar, die sich im kleinen Saal traf. Als Anne die Worte sah, fragte sie sich, was für eine Geschichte das wohl werden sollte. Aber sie hatte es ja so gewollt.
Sie begann: „Tobias kaute nachdenklich auf seinem Kaugummi. Wo sollte er jetzt einen Hummer herbekommen? Seine Frau hatte sich spontan einen zum Mittag gewünscht. Obwohl gewünscht, nicht das richtige Wort war. Linda war schwanger und da wollte sie nichts anderes, als Hummer.“ Anne stoppte und sah gespannt in die Runde. Frau Liebmann flüsterte ihrer Enkelin etwas zu. Die junge Frau Liebmann stand auf und nahm zwei Zettel von der Pinnwand und reichte sie ihrer Großmutter. Diese erzählte weiter. „Gerade als Tobias sich seine Jacke anziehen wollte, kam seine Frau in die Küche. „Weißt du, was ich zum Mittag gern essen möchte?“ Tobias stöhnte. Was kam denn nun? Erwartungsvoll sah er sie an. „Grießbrei“, sagte sie strahlend. „Grießbrei mit Himbeersirup.“ Das war eine seiner leichtesten Übungen. Grießbrei konnte er im Schlaf kochen. Also zündete er das Feuer im alten Küchenherd an und machte sich an die Arbeit.“ Verschmitzt sah Frau Liebmann in die Runde. Anne lachte, das hatte die alte Dame gut gemacht. Nun ergriff Frau Stolze das Wort, während ihr Mann zwei Zettel von der Wand nahm und sie ihr grinsend reichte. „Als Tobias so vor dem Herd stand und acht gab, dass die Milch nicht überkochte, dachte er an den Tag, als er Linda zum ersten Mal sah. Sie saß auf einem Motorrad. Ja und was für ein Motorrad. Zuerst hatte er sich nur für die Maschine interessiert, aber als sie den Helm abnahm und lange rote Locken zum Vorschein kamen, war die Maschine uninteressant. Aber er konnte jetzt noch nicht mit ihr reden, denn der Motorradgottesdienst begann. Er nahm immer daran teil, hatte sie hier aber noch nie gesehen.“ Frau Stolze war fertig und nun nahm sich Herr Leinhaus zwei Zettel. Ein wenig runzelte er die Stirn, als fragte er sich, wie er die Worte einbringen konnte, aber dann legte er los. „Sie hatten sich dann öfter getroffen. Waren ins Kino gegangen, hatten lange Spaziergänge unternommen und den Zoo besucht. Da hatten sie dann festgestellt, dass sie das gleiche Lieblingstier hatten, nämlich den Nacktnasenwombat. Sie waren so verliebt, dass es nach zwei Monaten schon zu dem wichtigen Pastorenbesuch gekommen war.“ Nun grinste Herr Leinhaus. Er hatte es geschafft, die Wörter einzubinden. Die Nächste, die erzählen wollte, war seine Frau. „Endlich war der Grießbrei fertig und Linda und Tobias setzten sich an den Tisch. Linda löffelte ihren Brei und meinte dann. „Weißt du noch, wie wir geheiratet haben? Nur eine kleine Feier mit unseren Trauzeugen. Wir waren Sushi essen. Und danach sind wir in die Flitterwochen gefahren. Brian und Su haben uns Blechdosen an die Anhängerkupplung gehängt und ich fand das ganz schrecklich. Als wir um die Ecke gefahren waren, hast du sie gleich abgemacht.“ Ja daran erinnerte er sich. Und an ihr erstes Weihnachtsfest. Sie hatten nur einen kleinen Weihnachtsbaum.“
Damit beendete Frau Leinhaus ihre Geschichte. Da nun niemand weitermachen wollte, nahm Anne die letzten beiden Zettel von der Pinnwand. „Linda fuhr fort. „Unser erstes Weihnachten war sehr ruhig. Es gab wenig Geschenke und wir haben uns einen Film angesehen. Und du hast einen Lachkrampf bekommen.“ Sie grinste Tobias an. Ja er erinnerte sich. Linda wollte unbedingt Mary Poppins gucken. Und dann hatte sie den ganzen Abend versucht „superkalifragelistigexpialigetisch“ auszusprechen. Er stand auf und ging zu seiner Frau. Er kniete sich neben ihren Stuhl und sagte: „Ich liebe dich und ich freue mich auf unser nächstes Weihnachtsfest, dann zu dritt.“

Anne sah in die Runde. Es schien allen gefallen zu haben. „Das hat mehr Spaß gemacht, als ich dachte.“ Herr Leinhaus hatte sich erhoben und trat zu ihr. „Vielen Dank, dass sie sich so viel Mühe geben. Es ist eine sehr schöne Zeit hier bei ihnen. Meine Frau und ich haben schon überlegt, ob wir unseren Urlaub verlängern, weil es uns so gut gefällt. Wäre das möglich?“ Anne bat ihn, mit in ihr Büro zu kommen, dort könnten sie alles klären. Bevor sie den kleinen Saal verließ, sah sie sich noch einmal um. Ihre Gäste machten einen zufriedenen Eindruck. Dafür war sie dankbar.
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17. Dezember

Beitrag von sweetums » 16.12.2017, 21:51

Kapitel 16
15. Dezember

Es war noch dunkel, als Sebastian seinen gepackten Koffer nahm und ein Taxi zum Bahnhof nahm. Am Abend zuvor war ihm ein Gedanke gekommen und er wollte persönlich die Details klären und nicht durch seine Sekretärin. In seiner Firma hielten sie ihn auch so schon für durchgedreht, da mussten sie von seiner neuesten Idee erst gar nichts erfahren. Hoffentlich hatte dieser Zug nicht auch Verspätung. Er hatte nicht viel Zeit. Wenn das mit der Idee klappen sollte, dann musste dafür noch heute der Grundstein gelegt werden.

Während Sebastian im Zug saß, versuchte auch Anne ihre Idee in die Tat umzusetzen. Aber immer wenn sie telefonieren wollte, kam etwas dazwischen. Sie war schon kurz davor zu verzweifeln. Manche Tage waren einfach unmöglich. Gerade griff sie wieder nach dem Hörer, als Nina durch die offene Bürotür geschossen kam. „Der Jungkoch hat sich verbrannt. Wie das genau passiert ist, weiß ich nicht. Stella fährt ihn schon ins Krankenhaus. Manuel sagt, dass sie heute ohne ihn auskommen. Sollte Tom aber länger ausfallen, braucht er einen Ersatz.“ „Wie schlimm ist es denn und wo hat er sich verbrannt?“ Äußerlich ganz ruhig, stellte Anne die Fragen. Aber in ihrem Inneren zitterte sie. Schon wieder etwas, dass ihre Pläne zu verhindern drohte. „Genau weiß ich auch nicht, wie das passiert ist, nur dass er sich heißes Wasser über den Arm gegossen hat. Es sah böse aus.“ Nina war ganz aufgeregt und konnte sich kaum beruhigen. Anne beschloss, sie ein wenig abzulenken. „Wir können jetzt nur warten, was die Ärzte im Krankenhaus sagen. Aber mal etwas ganz anderes. Wie läuft es denn jetzt mit Manuel?“ Nina wurde tomatenrot. „Wir haben miteinander geredet. Er und ich ähm…sind zusammen. Danke für die Möglichkeit, die Dinge zu klären. Wir… na ja, wir haben uns beide nicht getraut unsere Gefühle zu zeigen. Manuel sagte, in dem Hotel, in dem er vorher gearbeitet hatte, waren Beziehungen unter dem Personal verboten. Deshalb hat er sich zurück gehalten. Ich…, es…“ Nina stockte, suchte nach Worten. Dann fuhr sie leise fort. „Es tut mir leid, ich habe mich kindisch verhalten und ich habe einiges zu Bruch gehen lassen. Das tut mir sehr leid. Ich bezahle den Schaden auch.“ „Es ist schon ok. Solange ab jetzt das Geschirr heile bleibt. So, nun sollten wir wieder an die Arbeit gehen. Hoffentlich bekommen wir bald Nachricht von Tom.“ Nina ging und Anne griff wieder nach dem Hörer. Diesmal störte sie niemand beim telefonieren. Dafür war aber die Leitung besetzt. Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu, dachte sie. Aber es gab ja noch andere Möglichkeiten.

Nach dem Mittagessen wurde das nächste Türchen geöffnet. Anne hatte die Zettel kurz vor dem Mittag noch getauscht. Sie lächelte, als sie das Gesicht von Tante Sigrid sah. Diese hatte mit etwas anderem gerechnet, als einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Genau stand auf dem Zettel: „Liebe Gäste, heute ist ein Ausflug auf den Weihnachtsmarkt geplant. Ein Bus wird um 16 Uhr vor dem Hotel bereit stehen. Wer gern eine kleine Wanderung in die Stadt unternehmen will, kann natürlich auch zu Fuß gehen. Treffpunkt ist um 16:15 Uhr an der Kirche. Jeder Gast bekommt einen Gutschein für Glühwein und Schmalzkuchen. Außerdem die Möglichkeit um 18 Uhr mit dem Bus wieder zurück zu fahren. Die Kinder bekommen natürlich keinen Glühwein, sondern einen Gutschein für heiße Schokolade.“

Beifälliges Gemurmel war zu hören. Anne sagte noch: „Es wäre schön, wenn ich eine kurze Rückmeldung bekommen könnte, wer mit dem Bus mitfährt und wer zu Fuß geht. Damit wir niemanden vergessen.“ In den nächsten 15 Minuten stellte sie eine Liste mit den Teilnehmern auf. Danach bereitete sie die Gutscheine vor. Als sie aufsah, stand Tina vor ihrem Schreibtisch. „Schätzchen, ich konnte die Weihnachtsmannsache leider noch nicht klären. Bitte Schatz, gedulde dich noch ein wenig.“ Tina schob die Unterlippe vor. Das war kein gutes Zeichen, dass wusste Anne aus Erfahrung. Schnell stand sie auf und nahm ihr kleines Mädchen in die Arme. „Wenn alle nachher auf dem Weihnachtsmarkt sind, werde ich die Sache persönlich klären, versprochen. Und heute Abend, nach dem Abendessen, werde ich dir erzählen, was wir machen werden. Also nur noch ein klein wenig Geduld Schatz.“ Tina nickte. „Aber nur noch ein wenig. So viel Geduld ist nicht mehr da., Mami.“ Anne musste lachen. Ja Tina und ihre Geduld, dass war schon so eine Sache. Für diesmal gab es keinen wütenden Heulkrampf, für den Tina berüchtigt war. Das Telefon läutete und Anne ging an den Apparat. Es war Tom, der Jungkoch. Er entschuldigte sich bei Anne, dass er mindestens bis ins neue Jahr ausfallen würde. Seine Stimme klang zittrig und auch ein wenig ängstlich. Sie versprach, ihn im Krankenhaus zu besuchen und auch Ersatz zu beschaffen.

Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, ließ sie sich müde in ihren Schreibtischstuhl sinken. Sie hatte nicht so gut geschlafen und das machte sich jetzt bemerkbar. Ihre Gedanken wollten gerade abschweifen, als Tante Sigrid an die offene Tür klopfte. „Hast du einen Moment Zeit?“, fragte sie. „Natürlich“, kam die prompte Antwort von Anne. „Ich wollte mit dir über Silvester reden. Da gibt es noch einiges für unser großes Abschiedsfest zu klären. Ist es dir Recht, wenn wir das jetzt machen?“ Tränen stiegen in Annes Augen und sie fühlte, wie tief in ihr der Schmerz größer wurde. Sie musste ein paar mal heftig schlucken um die Tränen zurückzudrängen und ihre Stimme wiederzufinden. „Können wir das bitte auf morgen verschieben. Ich muss noch einen Ersatz für Tom besorgen und habe in der Stadt noch ein wichtiges Gespräch zu führen.“ Sigrid nickte. „Ist gut, dann morgen. Anne, pass auf dich auf und übernimm dich nicht. Wenn ich dich so ansehe, dann stehst du kurz vor einem Zusammenbruch.“ „Die restlichen 16 Tage werde ich schon noch durchhalten. Aber danke, dass du auf mich acht gibst, Tante Sigrid.“

Punkt 16 Uhr standen alle Gäste vor dem Hotel. Anne verteilte die Gutscheine und fröhlich stiegen alle ein. In der Stadt verabschiedete sich Anne von den Gästen und wünschte ihnen viel Freude auf dem Weihnachtsmarkt. Sie selber machte sich auf den Weg zum Kinderheim.
Sie hoffte, das Christina, die Leiterin, Zeit für sie haben würde.
Im Kinderheim ging es wild zu, die Kinder tobten über den Flur und schreien und lachten. Anne bewunderte Christina, die es schaffte, den Kindern ein Gefühl von Familie zu vermitteln. Zielstrebig ging Anne zu Christinas Büro und klopfte an. Als ein „Herein“ ertönte, öffnete sie die Tür und blieb dann wie erstarrt auf der Türschwelle stehen…
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18. Dezember

Beitrag von sweetums » 17.12.2017, 22:03

Was hatte der Bürgermeister denn hier zu suchen? Anton Herzog sah arrogant wie immer aus. „Ach, da kommt ja die Person, die ich vor Weihnachten auch noch aufsuchen wollte. Da haben sie mir ja einen Weg erspart.“ Bevor Anne etwas sagen konnte, fauchte Christina ihn an: „Und was wollen sie ihr antun? Sie arroganter, aufgeblasener Hans Wurst? Reicht es nicht, dass sie dem Kinderheim keine Zuschüsse mehr zahlen wollen? Haben sie sich die Kinder angesehen, als sie kamen? Sie haben kein Herz, wenn sie ihnen praktisch die Familie nehmen.“ Christina holte tief Luft, aber bevor sie fortfahren konnte, sagte der Bürgermeister: „Ich will sie hier nicht haben. Ziehen sie doch mit dem Kinderheim in eine andere Stadt um. Wer will schon diese ganzen Taugenichtse hier. Man weiß doch, was aus Kindern wird, die keine Eltern haben. Sieht man ja auch an Chris.“ Dabei sah er Anne schadenfroh an. „Der Bengel wird sicher nicht mehr lange hier zur Schule gehen.“

Nun reichte es Anne. Sie stellte sich leicht gebeugt, so dicht vor den Bürgermeister, dass sich ihre Nasen fast berührten. Gut, dass er saß, sonst wäre Anne im Nachteil gewesen. Dann sagte sie mit ruhiger, aber fester Stimme: „Anton Herzog, du bist der widerlichste, gemeinste, heimtückischste, hinterhältigste und verlogenste Mistkerl, der mir je in meinem Leben begegnet ist. Dein Sohn quält jüngere Kinder, schlägt kleine Mädchen und fühlt sich nur in der Gruppe stark. Ja, darauf kannst du wirklich stolz sein. Und auch darauf, dass du dein Amt missbrauchst, um deinen Willen zu bekommen. Es gibt Menschen in dieser Stadt, die sich beugen, weil sie Angst vor dir haben. Die Nachteile für sich fürchten, weil du der Bürgermeister bist. Ich habe keine Angst vor dir und was für dich vielleicht noch interessant sein dürfte, ich habe auch keinen Respekt vor dir. Du bist rachsüchtig, wenn du nicht bekommst, was du willst. Und weil du mich nicht bekommen hast, kannst du mich nicht in Frieden leben lassen. Immer wirfst du mir Steine in den Weg. Aber du wirst nicht gewinnen. Im Gegensatz zu dir habe ich eine Familie, die mich liebt. Und jetzt verschwinde, bevor ich noch mehr sage.“ Anne trat ein paar Schritte zurück. Christina sah sie genauso verdattert an, wie der Bürgermeister. „Wie kannst du es wagen“, begann er sich zu wehren, aber sie schnitt ihm das Wort ab. „Anton, ich kenne dich und deine angeblich so weiße Weste. Also reiz mich nicht, sondern verschwinde besser.“ Damit kehrte sie ihm den Rücken zu und ging zu Christina. „Christina, lass dich von ihm nicht verrückt machen. Wir finden einen Weg. Es gibt immer einen Ausweg und es ist Weihnachtszeit. Eine Zeit der Wunder und Überraschungen.“ Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich die Tür hinter Anton Herzog schloss. Sie ließ sich auf einen Stuhl plumpsen und holte erst einmal tief Luft. „Anne, ich wusste gar nicht, dass du so mutig bist.“ „Mutig? Ich war einfach wütend. Er wollte Chris von der Schule verweisen lassen, weil er einem Mädchen geholfen hat. Er ist so verlogen, dass ich Magenschmerzen bekomme, wenn ich bloß seinen Namen höre.“ „Was wolltest du eigentlich von mir? Du hattest doch sicher einen Grund heute Nachmittag vorbeizukommen?“

Bevor Anne antworten konnte, klopfte es an die Tür. Christina verdrehte die Augen und rief „Herein.“ Sebastian betrat den Raum. Nach der Begrüßung meinte er: „Der Bürgermeister sah aber ziemlich wütend aus, als er gerade an mir vorbei stürzte. Haben sie nicht nach seiner Pfeife getanzt?“ Anne schwieg, sie wusste nicht, wie sie mit ihm umgehen sollte. Sie war noch immer enttäuscht und fühlte sich betrogen. Christina setzte ihn kurz ins Bild. „Darf ich mich setzen“, bat Sebastian, und als Christina nickte, setzte es sich hin. „Ich bin hier, weil ich den Kindern eine besondere Weihnachtsfreude machen wollte. Da ich aber nicht wusste, was sie brauchen oder worüber sie sich freuen, kam ich her. Nun sehe ich, dass ich genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen bin.“ Anne hatte ja auch darüber nachgedacht und so stellte sie ihre Idee vor. Eine Stunde später trennten sich die drei Verbündeten. Das Gespräch mit Anton Herzog war vergessen. Die Freude der Kinder stand im Vordergrund. Und freuen würden sie sich.

Später am Abend teilte Anne ihren Kindern ihren Plan mit. Zumindest einen kleinen Teil ihres Planes. Denn auch für sie sollte es noch Überraschungen geben. Die Kinder waren begeistert.
In dieser Nacht schlief Anne tief und fest.


16. Dezember

Da noch viele Vorbereitungen zu treffen waren, blieb an diesem Tag nicht viel Zeit für den Adventskalender. Anne hatte einmal mehr die Zettel ausgetauscht und so gab es an diesem Tag eine Fortsetzung der Adventsgeschichte. Die Gäste waren zufrieden, denn es musste ja nicht an jedem Tag eine große Aktion sein. Beim Abendessen hatten sie begeistert vom Weihnachtsmarkt erzählt und sich bei Anne bedankt, dass sie das möglich gemacht hatte.

So verging der Tag wie im Flug und als Anne am Abend müde in ihr Bett stolperte, war alles vorbereitet.



Kapitel 17
17. Dezember

Als die Gäste am nächsten Morgen zum Frühstück herunter kamen, stand mitten in der Halle ein riesiger Tannenbaum. Er war nur mit Lichterketten geschmückt. Aber erst am Nachmittag wurde klar, warum ein ungeschmückter Tannenbaum in der Halle stand.
Als sich alle versammelt hatten, um das nächste Türchen aufzumachen, hörte man laute Kinderstimmen und das Trappeln vieler kleiner Füße. Anne sah schmunzelnd, wie die Gäste auf die Kinderschar reagierten, die mit Christina gerade in die Halle kam. Die Reaktionen waren durchweg positiv und Anne war froh, dass sie ihre Gäste richtig eingeschätzt hatte.
Silvia, das jüngste Kinderheimkind, durfte das Türchen öffnen. Den Zettel gab sie Christina, die vorlas: „Ich habe leider in der Weihnachtszeit sehr viel zu tun und deshalb kann ich nicht bei jedem Kind den Wunschzettel abholen. Aber ich habe mir überlegt, dass ich es kurz vor Weihnachten ins Hotel schaffen könnte. Jedes Kind, dass noch einen Wunschzettel schreiben oder malen möchte, kann dies heute tun. Die Wunschzettel können dann an meine Weihnachtstanne gebunden werden. Und ich verspreche, dass ich mir die Wunschzettel abholen werde. Viel Freude für die restliche Adventszeit wünscht …“ Christina machte eine Pause und sah ihn sie Runde. Die Kleinen hatten ganz große Augen bekommen. Melinda flüsterte, „der Weihnachtsmann.“ „Ja, genau. Der Weihnachtsmann.“ Bestätigte Christina.

Nun meldete sich Anne zu Wort. „Im großen Saal sind Tische aufgebaut. Da gibt es Papier und Stifte. Glitzerstreu und Gelstifte und allerlei Sticker. Dort kann nun jedes Kind seinen Wunschzettel malen. Und vielleicht hat ja die eine oder der andere von meinen Gästen Lust, den Kindern zu helfen.“ Jubelt stürmten die Kinder der Gäste gemeinsam mit den Kinderheimkindern hinter Chris und Tina her, die ihnen den Weg zeigten.

Die Erwachsenen blieben noch einen Augenblick zurück. Sie ahnten, dass da noch etwas kommen würde. Anne sah sie lächelnd an. „Danke, dass sie noch hier geblieben sind. Wir haben uns überlegt, den Kindern ein besonderes Weihnachtsfest zu gönnen. Ein Gast, der nicht genannt werden möchte, wird versuchen die meisten Wünsche zu erfüllen. Aber wenn sich noch jemand an dieser Aktion beteiligen möchte, dann ist sie oder er herzlich dazu eingeladen. Wenn die Wunschzettel fertig sind, werden sie an den Baum gehängt. Sie bekommen alle eine Nummer und die ausgesuchten Wunschzettel notiere ich. Dann behalten wir einen Überblick und kein Kind geht leer aus. Wichtig ist, die ganze Aktion ist anonym. Die Kleinen sollen glauben dürfen, dass die Geschenke vom Weihnachtsmann kommen.“

Die Gäste waren begeistert. Das war eine gute Idee. So konnte man anderen eine Freude machen. War dass nicht der Sinn an Weihnachten?

Anne sah den Gästen nach, die mit Tante Sigrid und Christina den Kindern folgten. Freude, das war ein Begriff, der für sie ganz eng mit Weihnachten verknüpft war. Freude der Hirten, der Könige, der Engel. Freude, weil Jesus geboren war. Darum war es für sie wichtig, dass die Kinder Freude erleben konnten. In der Tür zum großen Saal traf sie auf Sebastian. Sie nickte ihm zu und wollte an ihm vorbei gehen. Aber er faste nach ihrem Arm. „Wir müssen miteinander reden.“ Sie sah ihn ernst an, sagte aber nichts. „Bitte Anne, lass es mich doch erklären. Gib mir eine Chance.“ Sie schluckte. Gib mir eine Chance und noch eine Chance und noch eine. Das war ein Satz, den ihr Mann so oft gebraucht hatte. Sie wollte keinem mehr eine Chance geben. Aber durfte sie Sebastian für etwas bestrafen, was ihr Mann getan hatte?
„Gut treffen wir uns morgen früh um 7:30 Uhr in meinem Büro.“

Sebastian bewunderte sie. Sie konnte ihn mit einem Blick in einen kleinen Jungen verwandeln. Das war schon seid Jahren niemandem mehr gelungen. Und die Uhrzeit für das Treffen war eine kleine Schikane, die er ihr aber nicht verdenken konnte.

Das Treiben im Saal war bunt, laut und fröhlich. Die Kinder schrieben, malten und klebten, dass es eine wahre Freude war. Als auch der letzte Wunschzettel am Baum hing, waren die Kinder hungrig. Sie stürzten sich auf die Kekse und den Kakao. Die Erwachsenen bekamen Kaffee, Tee oder alkoholfreien Punsch. Als die Kinder mit dem Bus Richtung Kinderheim abgefahren waren und die Gäste beim Abendessen saßen, war Anne mit ihrem Personal dabei, alles wieder aufzuräumen. Nina kam lachend an ihr vorbei. „Chefin, sie glitzern ja.“ Anne sah auf ihre Hände, sie waren voller Glitzerpulver. Nun musste sie auch lachen. Sie hatte sich die Haare aus der Stirn gestrichen und jetzt hatte sie das Pulver sicher überall verstreut. „Na ich muss doch glitzern“, sagte sie grinsend. „Ich bin Teil der diesjährigen Weihnacht.“

Fröhlich ging sie am Abend schlafen. Der Tag war so gelaufen, wie sie ihn sich von Gott erbeten hatte. Reich beschenkt, mit einem warmen Gefühl im Bauch schlief sie ein.
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Beitrag von sweetums » 18.12.2017, 22:49

Kapitel 18
18. Dezember

Anne war schon um 5 Uhr wieder auf. Sie konnte einfach nicht mehr schlafen. War sie aufgeregt? Ja, ganz sicher. Aufgeregt und unsicher. Das Gespräch mit Sebastian machte ihr Kopfzerbrechen. Würde er sie mit Lügen beschwichtigen? Um sich abzulenken, ging Anne in die große Halle hinunter.

Die Tanne war mit so vielen Wunschzetteln behangen, dass kaum noch Tanne zu sehen war. Sie begann zu lesen.
„Lieber Weihnachtsmann, ich wünsche mir eine Jacke für meine Puppe. Die muss sonst frieren. Kannst du das machen? Liebe Grüße Gudrun.“

„Hallo Weihnachtsmann, wie geht es deinen Rentieren? Und deinen Elfen? Kannst du mir bitte eine Carrera Bahn schenken? Sie muss auch gar nicht so ganz groß sein. Dann kann ich mit meinen Freunden zusammenspielen. Ich wohne im Kinderheim, aber das weißt du ja. Dein Micha.“

„Lieber Weihnachtsmann, ich wünsche mir ein Kleid. So wie eine Prinzessin. Geht das?
Aber es muss klein sein, bin erst 4. Deine Susi“ Dieser Wunschzettel war gemalt und auf der Rückseite fand sich, in der Handschrift eines Erwachsenen die schriftliche Version. Anne musste schmunzeln. Das Kleid sah wirklich aus, wie das einer Prinzessin. Sie kannte Susi und wusste, wie sehr sie sich ein schönes Kleid wünschte. Aber die Mittel des Kinderheims reichten eben nur für praktische Kleidung.

Der nächste Wunschzettel schnitt ihr ins Herz und sie war versucht, ihn abzunehmen.
„Hallo Weihnachtsmann,
eigentlich glaube ich nicht daran, dass es dich gibt. Aber ich dachte, ich kann es ja mal versuchen. Kannst du meiner Mami nicht ein Geschenk machen? Da es ein großes Geschenk ist, möchte ich nichts haben. Kannst du nicht machen, dass der Mann, der das Hotel gekauft hat, uns hierbleiben lässt? Meine Mama ist hier geboren und sie liebt das Hotel. Bitte, kannst du nicht einen Weg finden, dass Mami wieder fröhlich ist? Liebe Grüße Chris“

Anne konnte keine Wunschzettel mehr lesen. Mit Tränen in den Augen ging sie zurück in ihre Wohnung. Sie hatte gedacht, die Kinder würden es nicht bemerken. Gerade Chris. Da hatte sie sich aber mal wieder gründlich geirrt. Sie ging ins Bad und wusch sich das Gesicht. Dann hörte sie Tina in der Küche reden. Tinas Wunschzettel hatte sie noch nicht gefunden. Was mochte sie sich wohl wünschen? Dann kam Tina ins Bad gestürmt und begrüßte ihre Mutter fröhlich. „Mami, meinst du der Weihnachtsmann hat die Zettel schon geholt? Holt er alle auf einmal oder verschwinden immer nur ein paar? Wie geht das? Und erfüllte er alle Wünsche? Ich möchte so gern, dass er meinen Wunsch erfüllt.“ Sie plapperte munter weiter und ließ Anne gar keine Chance zu antworten.

Sigrid rief: „Das Frühstück steht auf dem Tisch. Wenn ihr nicht bald kommt, esse ich schon mal allein.“ Chris kam über den Flur gerannt. „Bin schon da“, verkündete er. Kurz darauf saßen sie gemeinsam beim Frühstück. Anne wurde einmal mehr bewusst, wie reich beschenkt sie war. Sie hatte eine Familie und alle waren gesund. Sie liebten sich. Das war wichtig. Nicht Geld oder Berühmtheit.

Viel zu schnell war es Zeit ins Büro zu gehen. Sie wünschte, sie hätte dem Gespräch nicht zugestimmt. Oder nichts gegessen, denn nun war ihr schlecht. In Gedanken rief sie sich zur Ordnung. Sie war doch kein Feigling.

Sebastian stand schon in der Halle. Auch er sah sich die Wunschzettel an. „Guten Morgen“, begrüßte sie ihn knapp. Er drehte sich zu ihr um und lächelte. Sie schluckte. Dieses Lächeln war gefährlich. Mit diesem Lächeln konnte er sicher viele Menschen einwickeln. Aber nicht sie. Nein, sie ganz sicher nicht. Mit fester Stimme sagte sie: „Ich habe heute noch viele Termine, vielleicht sollten wir dann jetzt in mein Büro gehen und reden.“ Sebastian folgte ihr ins Büro. Ihm war nicht anzusehen, wie unsicher und aufgeregt er war. Ganz der coole Geschäftsmann setzte es sich und sah sie ruhig an.
Dann legte er ein kleines Päckchen auf den Schreibtisch. „Ein kleines Dankeschön.“ Als sie ihn verständnislos ansah, fuhr er fort: „Dafür, dass ich die Chance bekomme, alles zu erklären.“ Anne öffnete das Päckchen. Es enthielt eine kleine Schachtel Pralinen. Ihre Lieblingspralinen. „Danke“, sagte sie und legte die Schachtel in die Schublade ihres Schreibtischs.

Mehr sagte sie nicht. Sie würde es ihm nicht leicht machen, nur weil er Geschenke verteilte. Sebastian hatte sich alles gut überlegt, aber nun wusste er nicht, wie er anfangen sollte. Er holte tief Luft und dann erklärte er: „Ich bin ein erfolgreicher Geschäftsmann. Meine Geschäfte und natürlich die Erfolge sind mein Leben. Alles dreht sich ums Gewinnen und Geld verdienen. Ist ein Projekt abgeschlossen, muss das nächste her. Eine neue Herausforderung. Dann habe ich von diesem Hotel erfahren und hatte sofort die Idee, etwas Besonderes daraus zu machen, mit Pool und Tennisplätzen usw.“ Einen Moment schwieg er und überlegte, was er noch sagen sollte. Der schwierige Teil lag ja noch vor ihm. „Spontan überlegte ich mir, hierher zu kommen. So spontan handle ich eigentlich nie. Ich wollte mir das Hotel ansehen, Schwachstellen finden, die Umgebung erkunden und neue Ideen entwickeln, um das Hotel für die Reichen und Schönen interessant zu machen.“ Bei diesen Worten verzog Anne das Gesicht. Sie sah aus, als würde sie sich gleich vor Schmerzen krümmen. Schnell fuhr er fort. „Dann sah ich das Hotel, die Menschen. Fühlte die Atmosphäre. Meine Pläne lösten sich in Luft auf und ich wollte einfach nur noch Gast sein. Deshalb habe ich nichts gesagt. Ich wollte einmal, wenigstens einmal nur ich sein. Nicht der Geschäftsmann. Es tut mir leid. Jetzt weiß ich, dass es ein Fehler war. Bitte Anne, können sie mir vergeben?“
Anne sah in seine Augen. Sie war sicher, dass er es ernst meinte. Er hatte sie verletzt, aber warum fühlte sie sich verletzt? So wie er es nun beschrieb, hatte sie keinen Grund verletzt zu sein. „Ich bin nicht glücklich, mit der Situation“, begann sie leise. „Aber ich vergebe ihnen. Ich fühlte mich verletzt, weil ich mich hintergangen fühlte. Ein Gefühl, das ich nie wieder erleben wollte. Mir tut es leid, dass ich meine Erfahrungen der Vergangenheit auf sie projiziert habe.“

Nun lächelte Sebastian sie an. „Da wir dies nun geklärt haben, kommen wir zum Weihnachtsmann. Wir haben noch eine Menge zu besprechen und zu planen, bevor es Heiligabend wird.“ Das Gespräch dauerte gute zwei Stunden und danach trennten sie sich als Freunde. Beide hatten eine lange Liste, die abgearbeitet werden musste. Sebastian machte sich mit so viel Elan und Freude an die Arbeit, wie noch nie zuvor.

Das Türchen an diesem Tag war wieder eine spontane Idee, geboren aus dem Gespräch am Vormittag, in Absprache mit Christina.
Auf dem Zettel stand:
„Hallo in die Runde, leider muss ich mich noch einmal an euch wenden. Meine Elfen haben mir gesagt, ich soll das mit den Wunschzetteln anders machen. So ein Durcheinander könnten sie nicht gebrauchen. Wieso es ein Durcheinander ist, weiß ich nicht, aber ich gebe einmal weiter, was sie sich ausgedacht haben.
Sie haben ja viel zu tun und möchten nun die Wunschzettel lieber einzeln haben. Ich habe ihnen gesagt, dass die Weihnachtswunschtanne dann aber nach und nach ganz kahl wird. DA haben sie mich angesehen, als würden sie an meinem Verstand zweifeln. Der Oberelf meinte dann nur, dass die Kinder ja Weihnachtsdeko basteln könnten. Und für jeden abgeholten Wunschzettel würde dann Deko aufgehängt und die Weihnachtsstimmung sei gerettet. Was meint ihr? Habt ihr noch einmal Lust zu basteln? Die Kinder im Kinderheim würden sich über eure Hilfe freuen. Weihnachtliche Grüße vom Weihnachtsmann.“

Die Erwachsenen schmunzelten. Einige sagten, sie würden lieber im Hotel bleiben Andere wollten lieber an die frische Luft und spazieren gehen. Aber es war noch eine ansehnliche Menge übrig, die in den Bus stieg. Im Kinderheim wurden sie mit großem Hallo begrüßt. Alles war schon vorbereitet und die Kinder stürzten sich mit Feuereifer auf das Bastelmaterial. Mit Hilfe der Erwachsenen war nach 1 Stunde ein großer, mit Weihnachtspapier beklebter Karton voll mit Sternen, Engeln, Glöckchen und vielem mehr. Das würde fast für zwei Bäume reichen.

Fröhlich trennte man sich voneinander. Die Kinder waren aufgeregt, aber auch erwartungsvoll. Was für ein Weihnachtsfest würde es in diesem Jahr geben? Wie viele Wünsche konnte der Weihnachtsmann erfüllen?

Anne, Sebastian und Christina trafen sich am späten Abend noch einmal. Es gab noch Einzelheiten zu klären. Strategien wurde entwickelt und Pläne geschmiedet. Als Anne und Sebastian um kurz nach Mitternacht zum Hotel zurückfuhren, hatte Christina wieder Hoffnung für den Fortbestand des Heims.
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Beitrag von sweetums » 19.12.2017, 22:35

Kapitel 19
19. Dezember

Als Anne an diesem Morgen gegen 7 Uhr in die Hotelküche kam, erwischte sie Nina und Manuel dabei, wie sie sich küssten. Anne grinste, dann ging sie leise wieder hinaus. Sie zählte bis zehn und trat dann laut vor sich hin singend wieder ein. „Oh guten Morgen“, sagte sie fröhlich zu den beiden. „Ihr seid ja schon fleißig. Sagt mal, habe ich etwas verpasst? Ist jemand krank? Mir ist nicht bewusst, dass Nina zum Küchenpersonal gehört.“ Nina wurde purpurrot und Manuel senkte verlegen den Kopf. „Ist schon ok, solange eure Arbeit nicht darunter leidet. Stellt euch mal vor, ich war auch mal jung und verliebt.“ Erleichterung war auf den Gesichtern zu entdecken. Anne schmunzelte, frisch Verliebte waren doch einfach herrlich. Aber sie hatte jetzt nicht die Zeit, sich für die beiden zu freuen. Manuel und sie mussten noch einmal über Speisepläne reden. Ihr verging das Schmunzeln. Es wäre das letzte Mal. Es würde keine weiteren Speisepläne geben.

Nach dem Frühstück traf sie Sebastian in der Halle. Sie waren mittlerweile beim „Du“ angekommen. Wie das passiert ist, wusste sie nicht so genau. „Sebastian kann ich dich bitte kurz sprechen? Ich habe eine Frage, die mir auf der Seele brennt.“ Er folgte ihr ins Büro. „Was hast du denn für ein Problem, vielleicht kann ich ja helfen.“ Freundlich sah er sie an und wartete. „Was ist mit meinem Personal?“, platzte es aus ihr heraus. „Wirst du sie übernehmen?“ Sie war einfach großartig, dachte er. Anne machte sich immer Gedanken um andere. „Mein Personalchef hat schon einige Bewerbungsgespräche geführt“, begann er und sah, dass Anne bleich wurde. „Aber wir wollen das Personal nur aufstocken und niemanden rauswerfen. Deine Leute können alle bleiben.“ „Du wirst ja einen Manager einstellen müssen, meinst du, der behält dann meine Leute?“ Sebastian dachte einen Augenblick nach. „Wenn es dich beruhigt, kann ich veranlassen, dass alle die bleiben wollen, einen 5-Jahresvertrag bekommen. Würde dich das beruhigen?“ Anne atmete tief ein, dann lächelte sie und er war immer wieder fasziniert, wie ihre Augen dabei strahlen konnten. „Danke, Sebastian“, sagte sie schlicht.

Gemeinsam gingen sie in die Halle. Dort standen einige Gäste vor dem Weihnachtsbaum und lasen die Wunschzettel. „Der hier ist sehr traurig, wie ich finde“, hörten sie Herrn Leinhaus zu seiner Frau sagen. „Ich habe meine Brille nicht mit, kannst du ihn mir vorlesen?“, bat seine Frau.
Lieber Weihnachtsmann,
ich heiße Tim und bin 9 Jahre alt. Für mich wünsche ich mir nichts. Im Kinderheim haben wir alles was wir brauchen. Aber ich wünsche mir etwas für meinen Freund. Der ist nämlich ganz traurig. Aber das sollte ich wohl erklären. Also Schrödingers Katze ist tot. Jemand hat sie mit Rattengift vergiftet. Das war zwar ein Versehen, aber tot ist tot. Kannst du meinem Freund ein neues Kätzchen schenken?
Liebe Grüße Tim

Anne schluckte ihre Tränen herunter. Sie kannte Tim, aber sie kannte auch Leonard Schrödinger. Er war ein kleiner, schüchterner Junge, der von den anderen Kindern oft gehänselt wurde. Da musste unbedingt etwas getan werden. Sie würde im Tierheim anfragen, da gab es immer kleine Kätzchen. Aber sie musste auch bei den Schrödingers nachfragen. In Gedanken schrieb sie schon an einer Liste, was alles zu erledigen war.

„Der hier ist ja süß, sagte eine Frauenstimme. Anne sah, dass Frau Klaus einen Wunschzettel in der Hand hielt. Sie las laut vor:
Lieber Weihnachtsmann,
mein Bruder kann noch nicht schreiben, der ist erst 2, aber er wünscht sich einen Teddybär. So einen Großen, der brummen kann. Im Spielzeugladen in der Stadt ist so einer im Fenster. Meinst du, deine Elfen können auch so einen zusammenbekommen?
Ich wünsche mir ein Buch. Du kannst dir aussuchen, was für eins.
Deine Zoe

„Sie ist auch ein Kind aus dem Kinderheim. Ihr Bruder und sie haben vor einem halben Jahr ihre Eltern verloren. Zoe liebt ihren kleinen Bruder und würde alles tun, damit er fröhlich ist.“ Anne erzählte noch ein wenig von den Kindern im Kinderheim. Sie verschwieg auch nicht, dass das Gebäude alt war und saniert werden müsste. Frau Kraus meinte daraufhin leise: „Da wird einem einmal mehr bewusst, wie gut es uns geht.“

Am Nachmittag gab es hinter dem Kalendertürchen wieder eine Geschichte. Das war ein Wunsch der Gäste, sie wollten ja schließlich wissen, wie es mit der Familie Kramer weitergehen würde.
Somit hatte Anne eine Stunde frei, da Tante Sigrid sich um die Gäste kümmerte. Da niemand in der Halle war, nahm sie schon einige Wunschzettel vom Baum. Nun konnte sie den Tannenbaum schmücken. Anstelle der Wunschzettel hängte sie Engel und Sterne auf. Die Wunschzettel kamen in einen Ordner und jeder Gast, der wollte, konnte sich einen der Zettel nehmen und den Wunsch erfüllen. Die Pakete sollten dann am Heiligabend unter den Baum gelegt werden.

Sebastian erschien in ihrer offenen Bürotür. „Was hältst du eigentlich von einem Weihnachtsmann? Wäre das nicht lustig?“ Anne überlegte kurz. Dann müsste sie noch ein Kostüm kaufen. Aber das war finanziell kaum noch drin. Gerade wollte sie den Kopf schütteln, als Sebastian sagte: „Du sollst nur sagen ob Weihnachtsmann oder nicht Weihnachtsmann. Um den Rest kümmere ich mich.“

Nachdenklich kaute Anne auf ihrem Stift herum. „Warum willst du das tun?“ Sie sah ihn an und er konnte diesem Blick nicht ausweichen. Es fielen ihm auch keine Ausreden ein. „Ich möchte einfach ein richtiges Weihnachtsfest erleben. Eines, wo es glückliche Gesichter gibt. Weihnachten soll doch ein Fest der Freude sein und ich möchte es erleben, wenigstens einmal. Bitte Anne, darf ich in diesem Jahr der Weihnachtsmann sein?“
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Beitrag von sweetums » 20.12.2017, 22:02

Nicht was er sagte, sondern wie er es sagte, berührte ihr Herz. Sie spürte den kleinen Jungen in ihm. Er bettelte förmlich darum, einen Weihnachtswunsch erfüllt zu bekommen. Anne atmete tief durch. „In Ordnung, du bist am Heiligabend der Weihnachtsmann.“ Sebastian strahlte sie an. Diesmal erreichte sein Lächeln auch seine Augen. „Dann hab ich jetzt noch viel zu tun“, sagte er und ging.

Auch Anne hatte viel zu tun und es wurde Mitternacht, bevor sie endlich schlafen gehen konnte.


Kapitel 20
20. Dezember

„Mami, meinst du der Weihnachtsmann holt alle Wunschzettel? Meinst du, er kann alle Wünsche erfüllen? Mami, mach die Augen auf.“ Anne stöhnte. Sie war doch gerade erst eingeschlafen. Sie versuchte sich das Kissen über den Kopf zu ziehen. Aber es gelang ihr nicht, den es wurde von vier Kinderhänden festgehalten. „Mama kann ich mit dir reden?“ Nun ruckte Annes Kopf hoch. Chris war auch da und er war sehr ernst. Viele Gedanken zuckten durch Annes Kopf. Was bedrückte ihn? Gab es wieder Probleme mit Anton junior? Sie rappelte sich auf und fuhr sich mit den Fingern durch ihr zerzaustes Haar. Tina warf sich in ihre Arme. „Guten Morgen Mami.“ „Guten Morgen Tina. Deine Fragen kann ich gar nicht alle beantworten, mein Schatz. Da müssen wir wohl bis zum Heiligabend warten.“ „Ok, dann geh ich jetzt in die Küche, ich hab Durst.“ Kopfschüttelnd sah Anne ihr nach.

„Guten Morgen mein Sohn, was möchtest du mit mir besprechen?“ Sie lächelte Chris aufmunternd an. Er setzte sich aufs Bett und murmelte: „Es ist Anton, Mama. Er stichelt und lauert mir ständig auf. Ich weiß, dass ich nicht wie Papa bin, aber Anton kapiert das nicht. Außerdem erpresst er die kleineren Kinder. Ich hab ihm gesagt, dass er das lassen soll. Aber er hat nur gelacht und gesagt, wenn ich nicht still bin, würde er es mir schon zeigen. Gestern hat er Maggie Kakao in ihren Ranzen gekippt und als Maggie es der Lehrerin gesagt hat, haben seine Freunde gesagt, dass Anton es nicht war. Mami, ich habe Angst vor ihm, aber ich will keine Angst haben. Du hast auch keine Angst. Du bist mutig und verteidigst uns. Ich möchte auch mutig sein und Maggie verteidigen.“ Obwohl die Sache so ernst war, musste Anne innerlich lächeln. Chris und Maggie waren Freunde und er wollte sie schon beschützen, als er kaum laufen konnte. Aber der Gedanke war gerade nicht hilfreich. Was sollte sie ihrem Kind sagen?
„Mami, hast du auch manchmal Angst?“ „Ja Chris, ich habe auch Angst.“ Aber du bist so mutig. Wie geht das denn?“ Nun lächelte Anne ihn liebevoll an. „Chris, man kann nur mutig sein, wenn man seine Angst überwindet. Ohne Angst braucht man keinen Mut. Verstehst du das?“ Chris sah etwas verwirrt aus. Anne überlegte, dann erklärte sie. „Wenn du Fahrrad fahren willst, dann steigst du einfach auf und fährst los, richtig?“ Chris nickte. „Was meinst du, was passiert, wenn du immer wieder hinfällst und dich verletzt? Steigst du dann immer noch auf und fährst los?“ Chris überlegte einen Augenblick. „Ja, ich würde es wieder versuchen, weil ich unbedingt Fahrrad fahren will. Aber ich hätte Angst, wieder hinzufallen.“ „Dann bist du mutig, weil du die Angst überwindest. Du fährst Fahrrad, obwohl du Angst hast.“ Chris sah sie verblüfft an. „Darüber muss ich nachdenken“, sagte er und wollte gehen. Anne hielt ihn an der Hand fest. „Chris, wenn du Angst hast, kannst du zu mir kommen und ich kann versuchen zu helfen. Ich kann dir aber nicht immer helfen, bin auch nicht immer da. Dann gibt es eine andere Möglichkeit, um Hilfe zu bitten.“ „Beten“, sagte Chris schlicht. „Das mache ich auch Mami. Und ich weiß, dass ich einen Schutzengel habe, der auf mich achtgibt.“ „Oh ich glaube, deine Schwester und du habt ein ganzes Regiment an Schutzengeln, bei dem was ihr so anstellt. Die haben alle Hände voll zu tun, bei euch zwei Rabauken.“ Anne grinste, als sie Tante Sigrid im Türrahmen stehen sah. Chris rutschte vom Bett und meinte grinsend: „Das glaube ich auch.“ Dann lief er in sein Zimmer.

Anne und Tante Sigrid sahen ihm lächelnd nach. „Guten Morgen Anne. Ich dachte, die Kinder schlafen heute mal ein wenig länger. Du hast deinen Schlaf auch bitter nötig. Willst du noch liegen bleiben? Ich kann mit den Kindern allein frühstücken und dann nehme ich sie mit runter in die Stadt.“ Anne überlegte einen winzigen Moment, dann schwang sie die Beine aus dem Bett und stand auf. „Das ist lieb, aber es gibt einfach noch zu viel zu tun. Ich weiß gar nicht, ob ich alles schaffe bis Heiligabend.“

Tante Sigrid stand noch immer in der Tür. Anne stutzte, irgendetwas ging ihrer Tante durch den Kopf. Sie ging zu ihr und fuhr ihr liebevoll über den Arm. „Was bedrückt dich?“ „Anne, ich will dich damit nicht auch noch belasten. Du hast mit den Kinderheimkindern schon genug zu tun.“ „Tante Sigrid, rede nicht so geheimnisvoll, spuck es aus.“ Zuerst kam ein abgrundtiefer Seufzer, dann sprudelten die Gedanken förmlich aus Tante Sigrids Mund: „Ich war gestern beim Friseur und da habe ich Frau Semmler getroffen. Sie arbeitet bei so einer Telefonhotline. Und da rufen am Heiligabend immer ganz viele ältere Menschen oder Alleinstehende an. Sie fühlen sich einsam und haben keinen, mit dem sie reden können. Ich habe überlegt, ob ich Heiligabend da mitarbeite, um Älteren und Alleinstehenden zu helfen.
Wenn ich nicht hier bei euch sein könnte, wäre ich auch allein.“ „Wenn du nicht bei uns sein könntest, wäre ich total aufgeschmissen.“ Anne schwieg einen Moment. „Lass mich einen Moment nachdenken, nach dem Frühstück reden wir weiter, in Ordnung?“ Tante Sigrid nickte und Anne ging duschen.

Anne betete um gute Gedanken, eine Inspiration. Und sie betete um Kraft. Sie hatte Angst zusammenzubrechen, wen sie zur Ruhe kam. Während sie sich anzog, kam ihr ein Gedanke. Es war ein guter Gedanke und sie schmunzelte. Darauf hätte sie schon früher kommen können. Erleichtert, weil sie eine Idee hatte, ging sie zum Frühstück. Die Kinder waren aufgedreht wie immer und es war kein Gespräch mit der Tante möglich. Tina wollte den Weihnachtsmann anrufen. Chris sagte lachend, dass es am Nordpol beim Weihnachtsmann kein Telefon gab und schon kabbelten sich die beiden. Der ganz normale Alltag, dachte Anne.

Nach dem Frühstück verschwanden die Kinder in ihre Zimmer und Anne erklärte Tante Sigrid ihre Idee. „Gibt es irgendwo eine Liste der Menschen, die allein Leben? Wir könnten unsere alte Telefonkette für Notfälle wieder aufleben lassen und versuchen, Patenschaften zu organisieren. Vielleicht gibt es ja gastfreie Menschen, die jemanden für ein paar Stunden aufnehmen können. Weißt du, so wie in der Weihnachtsgeschichte. Nur das die Herbergen diesmal nicht besetzt sind. Könntest du dir das vorstellen? Und wir würden auch einige einladen. Das wäre doch eine tolle Idee.“ Anne hielt inne. Heute war der 20. Dezember. Gab es Menschen, die so spontan waren? „Das ist eine tolle Idee Anne und wenn wir nur ein oder zwei Leuten ein schönes Fest vermitteln können, dann hat sich der Aufwand schon gelohnt. Ich übernehme das und sage dir heute Mittag, was ich erreicht habe. Kümmere du dich jetzt lieber um den Kalender.“ Jede tief in ihren Gedanken, trennten sich die beiden Frauen.

Als Anne in die Hotelhalle kam, standen da schon fast alle Gäste. Es war Samstag und da gab es das Kalendertürchen schon am Vormittag. Herr Zimmer, einer ihrer Stammgäste, durfte das Türchen öffnen. Er nahm den Zettel heraus und las: „Heute steht ein Hüttenabend auf dem Programm. Die Pferdeschlitten starten Punkt 17:30 Uhr vor dem Hotel. Es geht dann zur Hütte hinauf, wo es belegte Brote und Getränke geben wird. Danach ist Zeit für Geschichten am Kamin. Jeder darf erzählen, aber keiner muss. Später geht es dann im Schein der Fackeln mit dem Pferdeschlitten zurück ins Hotel. Wer mitmachen möchte, gibt bitte bis 15 Uhr an der Rezeption Bescheid.“ Die Kinder klatschten begeistert in die Hände. Im Dunklen mit dem Pferdeschlitten, das war einfach obercool. Auch bei den Erwachsenen fand die Idee Anklang und bis 11 Uhr hatten sich schon alle angemeldet.

Nach dem Mittagessen berichtete Tante Sigrid, wie weit sie mit dem „Herbergenplan“ gekommen sei. Das Telefon hatte kaum stillgestanden und sie hatte nun zwei Listen mit Namen. Es gab eine ganze Menge Menschen, die helfen wollten und wenn alles klappte, würden fast alle einsamen Menschen den Heiligabend in Gesellschaft verbringen. Anne hörte ein „Aber“ in Tante Sigrids Bericht. „Wo steckt der Haken?“, fragte sie. „Der Haken heißt Anton Herzog. Er hat von unserer Aktion erfahren und hatte nichts Besseres zu tun, als Frau Semmler zu drohen. Das macht er natürlich nicht direkt. Er hat ihr gesagt, dass sie die Unterstützung der Stadt für die Hotline bekäme und nicht für Aktionen der Hotelzicke.“ Anne spürte, wie die Wut in ihr hochkochte. Dieser miese… nein, sie würde es nicht einmal denken. Sie wollte sich nicht auf sein Niveau begeben. „Ich kläre das, mach du ruhig weiter. Und der Bürgermeister wird niemandem etwas tun, das verspreche ich dir.“ Mit Zorn blitzenden Augen verließ Anne die Wohnung, durchquerte schnellen Schrittes die Halle und stieg vor dem Hotel in ihr Auto. Sie war so zornig, dass sie Sebastian gar nicht sah, der ihr zuwinkte.

15 Minuten später klingelte sie am Haus des Bürgermeisters. Es war ein sehr protziges Haus und passte zu ihm. Frau Herzog öffnete. „Hallo Anne“, sagte sie freundlich. „Dich habe ich ja schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?“ Manu Herzog und sie waren früher Freundinnen gewesen. Bevor Manu und Anton geheiratet hatten. „Gut Manu, danke. Wie geht es dir?“ Anne konnte ihre Ungeduld kaum zügeln. „Mir geht es auch gut. Aber ich denke, du bist gekommen, um Anton zu sprechen. Und wenn ich dich so ansehe, dann denke ich, dass mein Mann sich warm anziehen sollte. Ich bringe dich in sein Büro und dann werde ich in Deckung gehen.“ Sie lächelte Anne immer noch freundlich an. Aber Anne sah die Anspannung und bei genauerem Hinsehen, sah sie noch viel mehr. Manu hatte tiefe Ringe unter den Augen. Und sie hatte jede Menge Sorgenfalten im Gesicht. Mitleid stieg in Anne auf, aber sie konnte nichts tun.

Endlich stand sie dem Bürgermeister gegenüber. Mit einem schleimigen Lächeln begrüßte er sie und streckte ihr die Hand entgegen. Anne übersah sie und sagte: „Die Zeit der Freundlichkeiten ist vorbei. Ich werde mich bemühen höflich zu bleiben, kann das aber nicht versprechen. Du bist eine elende Ratte, wobei das eigentlich eine Beleidigung für die Ratten ist. Du machst alles kaputt und freust dich, wenn andere leiden. Ich rede jetzt nicht davon, dass ich mein Hotel verkaufen muss, weil du meinen Kredit nicht verlängerst. Ja, ich weiß es. Du hast deinen Zechkumpan in der Bank angestiftet. Wovon ich rede ist das Kinderheim, die Hotline und vieles mehr, was du kaputtmachst. Was meinst du, wer dich wählen soll, wenn du alle vergraulst? Meinst du die Geschäftsleute? Die werden dir den Rücken kehren, wenn sie endlich kapiert haben, was für ein mieser Typ du bist. Warum willst du das alle leiden? Weil du es nicht geschafft hast, dein Leben sinnvoll zu gestalten?“ Anne musste tief Atem holen. Aber bevor der Bürgermeister auch nur den Mund aufmachen konnte, fuhr sie fort. „Du hast es geschafft, dass dein Sohn ein genauso heimtückischer Schläger wird, wie du einer warst. Was meinst du, was aus ihm einmal werden soll? Auch ein korrupter Bürgermeister wie du?“ Bevor Anne reagieren konnte, hatte Anton Herzog zugeschlagen. Der Schlag traf sie mitten im Gesicht. Ihr Kopf flog zurück, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte. Anne schrie schmerzerfüllt auf, als ihr Kopf auf den Boden schlug. Dann verlor sie das Bewusstsein.
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Beitrag von sweetums » 21.12.2017, 23:57

Blinzelnd öffnete Anne die Augen. Ihr Kopf fühlte sich an, als wollte er gleich zerspringen. Anne zuckte zusammen. Ihr eines Auge bekam sie nur einen winzigen Spalt auf. Was war denn bloß … wie ein Blitz traf sie die Erinnerung. Anton hatte sie geschlagen. Sie zitterte unkontrolliert. „Anne, du bist im Krankenhaus. Deine Tante kommt sicher gleich.“ Eine Hand strich sanft über ihre, hielt sie dann fest. Anne wollte den Kopf drehen, aber es tat zu weh. Sebastians Gesicht erschien in ihrem eingeschränkten Blickfeld. „Wieso bist du hier?“, fragte sie leise. Bevor er antworten konnte, trat ein Arzt an ihr Bett. „Anne, du machst ja tolle Sachen, kurz vor Weihnachten mit dem Bürgermeister in den Ring zu steigen, das gelingt auch nur dir.“ „Sehr witzig, Bernie, wirklich sehr witzig. Tust du mal bitte was gegen meine Kopfschmerzen, dann lache ich vielleicht auch.“ Der Arzt betastete vorsichtig ihren Kopf. „Oder auch nicht“, kam es stöhnend von Anne. „Das Lachen ist mir wohl erst einmal gründlich vergangen.“ Dr. Bernhard Wegner war mit ihr zur Schule gegangen. Sie kannten sich seid der ersten Klasse. „Anne, du musst über Nacht hierbleiben. Und diskutier jetzt nicht mit mir. Wenn du Heiligabend mit den Kindern feiern willst, solltest du einfach auf mich hören. Punkt und Schluss.“ Sebastian sah interessiert zu, wie Anne den Mund öffnete und ihn widerwillig schloss. „Braves Mädchen“, kam es schmunzelnd vom Doktor. Dann fuhr er ernst fort: „Weißt du, was ich bedaure? Dass ich nicht dabei war. Ich hätte Anton windelweich geprügelt.“ „Das wollte ich eigentlich tun, als ich ins Arbeitszimmer des Bürgermeisters kam. Seine Frau hatte mich gerade ins Haus gelassen, als ich Annes Schmerzensschrei hörte. Am liebsten hätte ich mich auf ihn gestürzt, aber damit hätte ich niemanden geholfen. Aber er bekommt sein Fett, darauf kann er sich verlassen.“ Sebastian grinste zufrieden. Misstrauisch fragte Anne: „Was hast du gemacht?“

In dem Augenblick klopfte es an die Tür. Auf Bernies „Herein“ betrat ein weiterer Schulfreund von Anne das Zimmer. „He Kleine, musstest du dich unbedingt mit Anton anlegen?“ Fred Hoffer, Oberkommissar der hiesigen Polizei sah sie mitleidig an. „Was willst du denn hier?“ Anne war verwirrt. Ihr Kopf tat weh und sie konnte sich überhaupt nicht konzentrieren. „Deine Aussage aufnehmen, Kleine. Herr Hausmann hat Anzeige erstattet wegen Körperverletzung. Oh und ich sollte dich warnen. Ganz zufällig war mein Bruder Peter auch vor dem Haus des Bürgermeisters. Er hat einen tollen Schnappschuss von deinem Gesicht gemacht. Vielleicht schafft er es noch, einen Bericht ins Sonntagsblatt zu bekommen. Könnte aber knapp werden.“ Anne schloss müde die Augen. Das alles war ein Albtraum. Gleich würde sie aufwachen und alles wäre gut. „Fred, vielleicht kommst du besser nachher wieder. Sie braucht ein wenig Ruhe. Ich habe gleich Pause, dann können wir in die Kantine gehen und einen Kaffee trinken.“ Bernie und Fred verließen das Zimmer.

Sebastian setzte sich wieder auf den Stuhl neben dem Bett. Er sah, wie eine Träne über ihre Wange rollte, und wischte sie vorsichtig fort. „Anne, wenn ich etwas tun kann, dann sag es mir bitte. Soll ich dir etwas besorgen oder im Hotel helfen?“ Aus den Augenwinkeln sah Sebastian, wie sich die Tür einen Spalt öffnete und Tante Sigrid hereinsah. Dann kam sie ganz ins Zimmer. Sie wurde etwas blass, als sie in Annes Gesicht sah. „So ein …“ „Sag es bitte nicht Tante Sigrid. Er ist es nicht wert.“ Anne sah ihre Tante an und versuchte zu lächeln. „Halb so schlimm. Morgen Mittag bin ich spätestens wieder zurück. Und Sebastian hat gesagt, dass er dir hilft, wenn du heute Hilfe brauchst.“ Bevor Sigrid sich mit den Aufgaben im Hotel beschäftigen wollte, musste sie erst einmal wissen, was geschehen war. Anne berichtete kurz von ihrem Gespräch mit Anton und dem Schlag. Den Rest der Geschichte erzählte Sebastian. Er berichtete auch, dass der Bürgermeister eine Anzeige bekommen hatte und am Sonntag oder Montag in der Zeitung stehen würde. Überschrift in etwa „Brutaler Übergriff auf eine Bürgerin“ oder so. Das sollte seiner Wiederwahl doch einige Steine in den Weg legen.

Sigrid schüttelte den Kopf. Es war nicht zu fassen. Der Mann war völlig außer Kontrolle. Sie hatte schon immer gewusst, dass Anton nicht ungefährlich war, aber mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. „Wie der Vater so der Sohn“, murmelte sie ganz in Gedanken. Anne zuckte zusammen und sie sah auch, wie Sebastian schmerzvoll das Gesicht verzog. „Das kannst du so aber nicht sagen, Tante Sigrid. Auch wenn Anton von seinem Vater grob behandelt wurde und sein Sohn auch zu Boshaftigkeit neigt, heißt es nicht, dass es so sein muss. Chris leidet gerade unter solchen Aussagen. Anton junior hat gesagt, Chris sei wie sein Vater. Und das stimmt einfach nicht.“ Sigrid entschuldigte sich. „Es sollte nicht heißen, dass es immer so ist. Ich wollte damit nur sagen, dass der alte Anton schon brutal war, ich habe es erlebt und der Bürgermeister ist es auch und sein Sohn tritt in seine Fußstapfen.“ Sie suchte nach Worten, um auszudrücken, was sie noch sagen wollte. „Anne, du bist stark und du liebst deine Kinder. Aber du verwöhnst sie nicht und erlaubst ihnen auch nicht alles. Deine Kinder kennen den Unterschied von richtig und falsch. Manuela ist zu weich. Sie kommt gegen Anton nicht an und verwöhnt den kleinen Anton, nach Strich und Faden, weil sie sonst nichts anderes hat.“ „Sie tut mir leid und Anton junior auch“, flüsterte Anne.
„Ich werde wieder ins Hotel fahren, ruh dich aus.“ Sigrid beugte sich herab und küsste Anne sanft auf die Stirn. Dann wandte sie sich an Sebastian. „Könnten sie mitkommen und ein paar Sachen für Anne holen. Ich habe das in der Aufregung vergessen. Unterwegs können wir überlegen, wie wir die Aufgaben für heute verteilen.“ Sebastian nickte, verabschiedete sich von Anne und folgte Sigrid aus dem Zimmer.

Anne wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Aber als sie die Augen öffnete, war es dunkel vor dem Fenster. Eine Bewegung neben ihrem Bett verriet ihr, dass sie nicht allein war. „Du bist ja wieder wach“; hörte sie Sebastian sagen. „Ich hatte schon geglaubt, du würdest bis morgen durchschlafen.“ Er neckte sie, was ihr gut gefiel. „Wie sieht es im Hotel aus?“ „Deine Tante kennt dich gut“, sagte er fröhlich. „Sie meinte, du würdest zuerst nach dem Hotel fragen. Ich kann dich beruhigen. Es läuft alles wie am Schnürchen. Die Gäste lassen schön grüßen und freuen sich, dass du morgen wieder im Hotel sein wirst. Im Augenblick sind sie gerade in der Hütte und erzählen sich Geschichten.“ Seine Stimme wurde ernst. „Anne, ich möchte dir auch eine Geschichte erzählen. Aber es ist keine schöne Geschichte. Vorhin, als deine Tante sagte, „wie der Vater so der Sohn“, da ist mir klar geworden, dass ich sie dir erzählen muss. Ich möchte, dass du mich besser verstehst.“ Abwartend sah er sie an. „Ich werde dir gern zuhören Sebastian.“ Sie lächelte aufmunternd. Tief atmete er ein, dann erzählte er ihr von seiner Kindheit. Von der Arbeit, die er als kleines Kind schon verrichten musste, von der Kälte, die zwischen seinen Eltern und auch ihm herrschte. Stockend berichtete er von dem Geburtstagsgeschenk des Pastors und seiner Frau. Er versuchte zu erklären, wie er sich gefühlt hatte, als er im Mittelpunkt stand. Die Freundlichkeit, die er erlebt hatte und dann die Gewalt zu Hause.

Anne sah ihn unverwandt an. Was hatte er erlitten. Sie dachte an ihre Kinder und ihre eigene Kindheit. Liebe, Zärtlichkeit und ein Gefühl von angenommen sein hatte ihr Leben geprägt. Wie mochte es sein, wenn man sich wertlos fühlte? Sie tastete nach seiner Hand. Seine Finger waren kalt. Stockend erzählte er weiter. Von den Pflegefamilien, von dem Gefühl, nichts zu taugen. Er hatte sich geschworen, dass er niemanden mehr an sich heranlassen wollte. Dann war er zu Lea und Klaus gekommen. Sie hatten ihm gezeigt, was Liebe ist. Er war aufgeblüht, hatte fleißig gelernt und sich von seiner besten Seite gezeigt. Diese Menschen wollte er nicht enttäuschen, nie verlieren. Als er gerade 18 Jahre alt war, kamen sie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Seid dem hatte er eine Schicht aus Eis um sein Herz aufgebaut. Nie wieder wollte er jemanden lieben und verlieren.

Nachdem er geendet hatte, herrschte erst einmal Schweigen. Wäre er ein Kind, hätte Anne ihn jetzt in den Arm genommen und getröstet. Aber er war kein Kind und er hatte deutlich gesagt, dass er nie mehr jemanden an sich heranlassen wollte. Während sie noch überlegte, stand Sebastian auf. Er drückte kurz ihre Hand. „Ich werde jetzt gehen. Deine Tante möchte noch einiges mit mir besprechen. Morgen hole ich dich ab. Der Doktor sagt, so gegen 11.30 Uhr kannst du das Krankenhaus verlassen. Schlaf gut.“ Ehe sie antworten konnte, fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.



Kapitel 21
21. Dezember

Anne wachte ohne Kopfschmerzen auf. Auch die Schwellung war etwas zurückgegangen. Aber Anne war unruhig. Sie machte sich Sorgen um ihre Familie und ums Hotel. Nach dem Frühstück schaltete sie das Radio an. Sie wollte sich den Gottesdienst anhören.
Als die ersten Lieder erklangen, wurde sie ruhiger. In der Predigt ging es um Erwartung. Der Pastor sprach darüber, dass die Erwartungen damals, vor Jesu Geburt, ganz andere waren, als die heutigen. Was erwarten wir von Heiligabend? Er stellte diese Frage an die Gemeinde.
„Ich erwarte viele Geschenke“., sagte ein Kind.
„An Heiligabend habe ich die Erwartung, dass alle meine Kinder kommen“, sagte eine ältere Dame.
Der Pastor sprach weiter. „In einem Interview wurden viele Menschen zu diesem Thema befragt. Die meisten Erwartungen liefen in Richtung, Geschenke, Gemeinschaft mit der Familie, gutes Essen. Was würden aber Menschen antworten, denen ein Erdbeben oder ein Vulkanausbruch gerade alles genommen hatte? Oder Menschen, die in einem Kriegsgebiet lebten? Was würden sie sich wünschen?

In welcher Erwartung lebten die Menschen damals. Ein Kind sollte geboren werden. Ein Königskind. Gottes Sohn, der alle Menschen retten würde. Hatten sie erwartet, dass er in einem Stall geboren würde? Glaubten sie, dass so ein winziges Kind die Menschen retten konnte? Dieses Baby war …“

Anne schrak hoch. Sie war eingeschlafen. Der Gottesdienst war zu Ende. Bald würde Sebastian sie abholen und sie war noch nicht einmal angezogen. Vorsichtig stand sie auf und ging ins Bad. Beim Zähneputzen überlegte sie, was sie sich wünschen würde, wenn sie einen Wunsch frei hätte. Aber es fiel ihr mehr als ein Wunsch ein. Dann dachte sie darüber nach, dass sie dankbar sein konnte, weil sie eine wunderbare Familie hatte. Was brauchte sie mehr?

Anne stand auf dem Klinikflur und wartete auf Sebastian. Sie war ungeduldig und konnte es kaum abwarten, wieder im Hotel zu sein. Sebastian trat aus dem Fahrstuhl, und als er sie sah, winkte er grinsend mit der Zeitung. Auf dem Titelblatt prangte ganz groß ihr Foto. Daneben war ein kleines Bild vom Bürgermeister. Der Titel lautete: „Bürgermeister schlägt zu“ und der Untertitel hieß „Junge Frau brutal attackiert – das Aus für den Bürgermeister?“
Anne hatte fast Mitleid mit Anton, als sie das las. Aber auch nur fast. Als Bürgermeister hatte er eine Vorbildfunktion. Nur war er kein Vorbild.

Sebastian und sie verließen das Krankenhaus und fuhren zum Hotel. Dort wurde Anne mit viel „Hallo“ und guten Wünschen begrüßt. Ihre Kinder kamen auf sie zugerannt und blieben kurz vor ihr stehen. „Au weia“, sagte Tina. Chris starrte nur sprachlos auf ihr schillerndes blaues Auge. „Geht mit eurer Mutter zum Essen. Eure Tante warten sicher schon.“ Sebastian schob die Kinder in Richtung ihrer Wohnung. Anne folgte ihnen und war froh, als sie sich setzen konnte. Sebastian hatte sich verabschiedet, weil er noch viel zu erledigen hatte.

Nach dem Essen erzählten die Kinder, was sie am Abend zuvor erlebt hatten. Tina fand die Kutschfahrt am Schönsten. Chris hatte die spontane Schneeballschlacht vor dem Hotel am Besten gefallen. „Habt ihr denn heute schon ein Türchen aufgemacht?“ Anne sah neugierig von einem Kind zum anderen. „Ja, haben wir. Heute gibt es wieder eine Geschichte am Kamin.“ Tina lächelte ihre Mutter an und fuhr fort. „Dann kannst du dich noch ein wenig ausruhen.“ Dankbar legte Anne sich nach dem Essen für eine Stunde ins Bett. Sie war so müde und erschöpft. Aber als sie sicher war, dass sich alle am Kamin versammelt hatten, schlich sie in die Halle. Es war an der Zeit, die restlichen Wunschzettel abzunehmen. Aber sie kam zu spät. Am Baum war kein Wunschzettel mehr zu sehen.

Verwundert betrat sie ihr Büro und dort entdeckte sie Sebastian. Er saß an ihrem Schreibtisch und schrieb an einer Liste. „Was machst du?“ Anne stellte sich neben ihn. „Ich schreibe alle Wünsche der Kinder in Listen. Mit den Gästen habe ich abgesprochen, dass ich alles besorge. Morgen Abend wollen wir dann gemeinsam Pakete einpacken.“ Sebastian zog eine weitere Liste unter einem Ordner hervor und sprach weiter: „Auch der Herbergenplan macht Fortschritte. Ich habe mit einigen Geschäftsleuten telefoniert und sie wollen Kleinigkeiten spenden. Duftproben, Kerzen, Gebäck usw. Wenn wir noch das eine oder andere dazu besorgen, könnten wir kleine Überraschungspäckchen packen.“ Anne staunte über seinen Eifer und seine Ideen. Wer hätte das in dem unnahbaren Geschäftsmann vermutet. Anne zog sich einen Stuhl an den Schreibtisch. „Da hast du ja eine Menge erreicht. Das ist einfach toll.“ Sebastian strahlte. Er hatte richtig geschuftet und er wusste nicht, wie viele Stunden er am Telefon gehangen hatte. Aber es fühlte sich gut an.

Anne und Sebastian saßen auch nach dem Abendessen im Büro. Sie überprüften noch einmal die Wunschzettel und die Listen. Tante Sigrid hatte ihnen Glühwein und ein paar Kekse gebracht. Dann war sie wieder gegangen. Anne fühlte sich wohl in Sebastians Gegenwart. Sie hatte ihm vergeben und einen Neuanfang mit ihm gemacht. Eine gute Entscheidung, wie sie fand. „Gut dass wir die Listen und Wunschzettel noch einmal verglichen haben“, sagte Sebastian. „Mir ist ein Wunschzettel komplett durchgerutscht. Na das hätte Tränen gegeben, da bin ich sicher. Der kleine Walter wünscht sich Piraten und ein Piratenschiff.“ Der Wunsch wurde auch noch notiert. Anne sah auf die lange Liste und fragte Sebastian: „Wie machst du das mit den Rechnungen? Wenn du ein Wunschgeschenk für einen Gast besorgst, musst du ihm doch die Rechnung geben oder?“ Innerlich stöhnte Anne beim bloßen Gedanken daran. Das würde einen Aufwand geben, alles auseinanderzurechnen. Sebastian hatte sich schon gefragt, wann sie wohl beim Finanziellen ankommen würden.
„Die Gäste und ich haben uns gestern Abend kurz zusammengesetzt und überlegt, wie wir damit umgehen wollen. Sie haben den Vorschlag gemacht, Geld zu spenden. Damit sollen dann so viele Wünsche wie möglich erfüllt werden.“ „Wow, das ist einfach genial. Da sieht man, dass du ein erfolgreicher Geschäftsmann bist. Du hast alles im Griff.“ Anne stand auf und kam auf ihn zu. „Ich gehe jetzt schlafen. Gute Nacht und Danke.“ Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. Anne drehte sich um und ging.

Sebastian saß stumm da und lauschte dem leisen Pling, dass er gerade gehört hatte.


Kapitel 22
22. Dezember

Es gab so viel zu tun, dass Anne nicht liegen bleiben konnte. Obwohl es erst 5 Uhr früh war, stand sie auf. Sie würde nachher mit Sebastian in die Stadt fahren, um einzukaufen. Verrückt war das. Wer fuhr zwei Tage vor Weihnachten los, um Geschenke zu kaufen. Sebastian hatte so geheimnisvoll gegrinst. Was das wohl zu bedeuten hatte?

Die nächsten vier Stunden verliefen wie immer. Anne kontrollierte im Hotel, ob alles in Ordnung war. Sie kontrollierte Rechnungen und legte alles in den „Noch-zu-zahlen-Ordner.“ Die Rechnungen mussten warten, bis das Weihnachtsfest vorbei war.
Anne frühstückte mit ihrer Familie und pünktlich um 9 Uhr traf sie sich mit Sebastian und den anderen Gästen in der Halle. Hinter dem Türchen versteckte sich diesmal ein Spielenachmittag. Jeder Gast durfte Spiele vorschlagen oder man konnte auch Gesellschaftsspiele spielen, die im Hotel vorhanden waren. Eine ältere Dame meinte: „In meiner Jugend haben wir Scharade gespielt. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Könnten wir Scharade spielen?“ Und während die Gäste sich darüber unterhielten ob man Scharade, Siedler. Memory oder was ganz anderes spielen sollte, machten sich Anne und Sebastian davon.

Sebastian fuhr den Wagen und nach einer Weile fiel Anne auf, dass er nicht ins Einkaufsviertel fuhr, sondern zum Krankenhaus. Er hielt auf dem Parkplatz und stieg aus. War er krank? Anne blieb sitzen und fragte sich, ob sie heute noch einmal zur Kontrolle kommen sollte. Aber daran würde sie sich erinnern. Die Beifahrertür wurde geöffnet. „Anne willst du nicht aussteigen? Wir haben nicht viel Zeit. Der Hubschrauber kann nicht lange warten.“ Hubschrauber? Hatte sie richtig gehört? Verwirrt sah sie in Sebastians funkelnde Augen. Er hatte sie überrascht und das gefiel ihm auch noch ausnehmend gut. Anne ließ sich aus dem Wagen ziehen und folgte ihm stolpernd zu einem Hubschrauber. Der Pilot winkte ihnen grüßend zu und kaum waren sie eingestiegen, startete er die Rotoren. „Ein Flug ins Ungewisse“, neckte Sebastian sie, sehr zufrieden mit seiner Überraschung.
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23. Dezember

Beitrag von sweetums » 22.12.2017, 22:11

„Du bist irre? Das wird es sein, du bist total irre.“ Anne konnte es immer noch nicht fassen. Sie befanden sich hoch in der Luft und sie glaubte es einfach nicht. Was machte sie hier oben? Wieso brauchten sie einen Helikopter? „Anne ist alles in Ordnung?“ Sebastians Stimme klang besorgt. Sie nickte. „Bei mir schon, aber ich glaube bei dir nicht. Was machen wir hier und wo fliegen wir hin?“ „Bist du jetzt sauer? Bitte Anne, nicht sauer sein. Ich habe mir die Freiheit genommen, einen Einkaufstermin abzusprechen. Dazu müssen wir aber in die Nähe von München. Mit dem Auto hätte es einfach zu lange gedauert. Bitte Anne es tut mir leid, ich habe noch nicht einmal gefragt, ob du fliegen willst oder kannst oder …“ Anne unterbrach ihn. „Beruhige dich, es ist alles in Ordnung. Ich bin es nur nicht gewohnt, zum Einkaufen zu fliegen.“ Erleichterung machte sich in Sebastian breit. Er hatte keine Erfahrung im Umgang mit Frauen wie Anne. Eigentlich hatte er überhaupt keine Erfahrung im Umgang mit „normalen“ Frauen. Die Frauen, mit denen er es sonst zu tun hatte, warfen sich ihm an den Hals, weil er reich war und bekannt. Sie wollten etwas von ihm, was er leicht geben konnte, sein Geld. Aber Anne war anders.

Als sie in München gelandet waren, wurden sie von Sebastians Chauffeur erwartet. Beim Anblick der riesigen Limousine wäre Anne am liebsten wieder in den Hubschrauber geklettert. Sebastian hielt sie am Arm fest und flüsterte in ihr Ohr: „Weglaufen gilt nicht. Das müssen wir jetzt gemeinsam durchstehen.“ Er machte eine kleine Pause, dann fuhr er fort: „Denk daran, es ist für die Kinder.“ Kluger Schachzug, wie sie fand. Sie lachte und stieg ein.

Einige Minuten später hielten sie in einem Gewerbegebiet. Bevor Anne fragen konnte, erklärte Sebastian schnell: „Hier sitzt der Hauptlieferant meiner Geschäfte. Ich dachte, es sei einfacher alles auf einmal auszusuchen, als von Geschäft zu Geschäft zu laufen.“ Anne war beeindruckt. Zusammen mit Sebastian betrat sie eine große Halle. Ein älterer Herr kam ihnen entgegen und begrüßte sie freundlich. Sebastian stellte ihn vor und Anne reichte Herrn Gärtner die Hand. „Herr Gärtner ist der Chef hier und wird uns bei unserem Einkauf behilflich sein“, erklärte Sebastian. „Wenn sie mir bitte in mein Büro folgen wollen, ich habe da schon einiges vorbereitet.“ Herr Gärtner wirkte kompetent und freundlich. Anne war gespannt, wie der Tag sich entwickeln würde.

Das Büro war gemütlich und auf einem kleinen Tischchen in der Sitzecke war ein Imbiss vorbereitet. Herr Gärtner bat sie Platz zu nehmen und bot ihnen Getränke an. Er holte einen Ordner von seinem Schreibtisch, dann setzte er sich zu ihnen. „Wir könnten jetzt durch die Hallen laufen, aber das ist nicht wirklich sinnvoll. Deshalb habe ich hier schon einiges zusammengestellt, was für sie interessant sein könnte. Darüber hinaus kann ich fast alles besorgen, was sie sonst noch benötigen. Von Autobezügen bis zur Zimmerpalme, von Zooartikeln bis zur Ameisenfarm.“ Er lächelte und legte den Ordner auf den Tisch. „Sie suchen aus, teilen mir die Mengen mit und die Artikel werden sofort verladen. Herr Hausmann hat einen Wagen gemietet, der alles sofort zum Hotel bringen wird. Spätestens um 19 Uhr wird alles geliefert sein. Darauf gebe ich ihnen mein Wort.“
Anne war beeindruckt. Wenn Sebastian etwas plante, dann richtig. Sie trank einen Schluck von ihrem Tee, dann schlug sie den Ordner auf. „Sebastian gibst du mir die Listen?“ „Listen? Ich dachte, du hast die eingesteckt.“ Anne wirbelte zu ihm herum. Das war doch nicht möglich. Er konnte doch die Listen nicht vergessen haben. Gerade wollte sie etwas sagen, als sie das Funkeln in seinen Augen sah. „Du hast mich reingelegt“, sagte sie. „Das ist nicht lustig.“ „Oh doch“, sagte Sebastian grinsend. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen.“
Herr Gärtner stand auf, sah von einem zum anderen und meinte dann: „Ich überlasse sie jetzt ihren Listen. Wenn sie mich brauchen, dann rufen sie mich an. Drücken sie einfach die 1 auf dem Haustelefon.“

Gleich darauf waren Anne und Sebastian allein. Sebastian hatte die Listen auf den Tisch gelegt und sie machten sich an die Arbeit. Sie saßen dicht nebeneinander und suchten im Ordner all die Spielwaren aus, die sie verschenken wollten. Dazu noch Handschuhe, Schals, Mützen, Pullover, Jeans und Röcke und vielen Größen und Farben. So viel hatte Anne in ihrem ganzen Leben noch nicht ausgesucht. Aber Sebastian bestand darauf, für die Kinderheim-Kinder auch Kleidung zu kaufen. Der Bestellzettel wurde lang und immer länger und Sebastian fand immer noch etwas, was unbedingt gekauft werden musste. Er benahm sich wie ein Kind im Spielzeugladen. Seine Wünsche kannten keine Grenze. Wenn sie an die Rechnung dachte, wurde Anne ganz heiß.

Endlich schlug Sebastian den Ordner zu. „Fertig“, sagte er und strahlte von einem Ohr zum anderen. Anne sah plötzlich einen anderen Sebastian vor sich. Sie hatte es gar nicht mitbekommen, aber der knallharte Geschäftsmann hatte ich irgendwann in einen begeisterten Mann verwandelt. Einen Mann, dem es Freude machte zu schenken. Der sich selber Gedanken machte und nicht seiner Sekretärin Aufträge erteilte. Und sie musste zugeben, diesen Mann mochte sie. Sehr sogar.

Herr Gärtner kam herein. „Genau im richtigen Augenblick. Wir sind gerade fertig geworden“, sagte Anne. „Noch nicht ganz“, korrigierte Sebastian. „Wir benötigen für all das Einwickelpapier, Schleifen, Bänder, Aufkleber oder Anhänger, Klebestreifen, naja eben alles was man benötigt, um schöne Weihnachtspäckchen zu packen.“ Herr Gärtner sah sich die Bestellliste an. „Ich werde das runter in den Versand bringen, die können auch gleich ausrechnen, wie viele Rollen Papier usw. sie benötigen. Wenn sie möchten, können wir in der Zwischenzeit Mittagessen gehen. Und wenn wir zurück sind, können sie noch Art, Farbe, Muster des Papiers …“ Sebastian unterbrach ihn: „Herr Gärtner, das überlasse ich ihnen, sie werden da schon das richtige aussuchen. Die Rechnung schicken sie bitte in mein Büro. Und was das Essen angeht, leider müssen wir jetzt los. Es ist viel zu tun. Bis zum nächsten Mal.“

Sebastian half Anne in ihre Jacke und schob sie aus dem Büro. Sie wusste gar nicht, wie ihr geschah. Knapp schaffte sie es, sich von Herrn Gärtner zu verabschieden, dann stand sie auch schon an der Limousine. Der Chauffeur öffnete ihr die Tür und Anne bedankte sich freundlich. Als Sebastian eingestiegen war, setzte sich das Auto in Bewegung. Aber nicht zum Flugfeld, sondern Richtung Münchner Innenstadt. „Wo willst du denn jetzt noch hin? Ich dachte, wir fliegen zurück.“ Anne war verwirrt, wieder einmal. Und sie wusste nicht, ob ihr das gefiel. „Wir gehen essen“, sagte Sebastian fröhlich. „Warum sind wir dann nicht mit Herrn Gärtner essen gegangen?“ „Weil ich es nicht wollte“, bekam Anne prompt zur Antwort. Er griff nach ihrer Hand. „Ich wollte einfach mit dir allein essen. Schlimm?“ Nein, schlimm war es nicht, aber Anne war es nicht gewohnt, dass andere für sie Entscheidungen trafen oder ihr Dinge abnahmen. Wie sollte sie das Sebastian klar machen, ohne ihm die gute Laune zu verderben? „Sebastian, ich bin einfach nicht gewohnt, dass man für mich entscheidet“, brachte sie leise heraus. Und wie sie es befürchtet hatte, verschloss sich Sebastians Gesicht. Sein Kiefer mahlte und seine Stirn war gerunzelt. Gut gemacht, dachte Anne. Wirklich großartig.

Gerade wollte sie sich entschuldigen, als Sebastian sagte: „Es tut mir leid Anne. Da bin ich wohl meilenweit über das Ziel hinausgeschossen. Es ist nur …“ Er stockte, suchte nach den richtigen Worten. „Warst du schon einmal in einer Gruft? Dort ist es kalt, feucht und dunkel. Man bekommt kaum Luft. So fühle ich mich oft. Gefangen in einer Gruft. Und auf einmal kann ich sie verlassen, bekomme frische Luft. Der Wind weht warm und vertreibt die modrigen Gerüche und die Kälte. Die Sonne überflutet mich mit ihrem Licht. Ich würde am liebsten in die Luft springen oder Purzelbäume machen. Und dann..“, wieder unterbrach er sich. Holte tief Luft und fuhr fort: „Dann stelle ich fest, dass ich mit meinen Gefühlen nicht umgehen kann. Dass ich Fehler mache, Menschen verletze, Entscheidungen für sie treffe. Dann falle ich wieder zurück in meine Gruft.“ Er schwieg. Sie würde ihn nicht verstehen, da war er sich sicher. Seine Erklärung war ja auch alles andere als verständlich. Gut dass er sein Inneres hinter einer Eiswand verschlossen hatte, sonst würde er wieder leiden müssen. Wie so oft in seinem Leben hatte er verloren.

Anne schluckte. Was sollte man darauf antworten? Ihr Kopf war leer, ihr fiel nichts ein. Sie konnte an der Stelle nichts tun, außer um eine Antwort beten. Er war tief verletzt und diese Verletzungen würden immer wieder aufbrechen. Aber sie konnte nicht helfen, wusste nicht wie. Bevor die Stille zwischen ihnen undurchdringlich wurde, hielt der Wagen und der Chauffeur öffnete lächelnd Annes Tür. Sie stieg aus und sah sich um. Sie standen vor einem kleinen fast unscheinbaren Lokal. „Möchtest du mit mir hier essen gehen oder lieber zurück ins Hotel?“ „Lass uns hineingehen“, erwiderte sie leise. Während er ihr die Tür aufhielt, fragte er sich, ob es eine gute Idee gewesen war, sie gerade hierher zu bringen.

„Das gibt es doch gar nicht. Nein unmöglich“, erklang eine Stimme aus Richtung Theke. „Sarah, komm mal schnell her. Du glaubst gar nicht, wer gerade durch unsere Tür gekommen ist.“ Anne spürte, wie Sebastian sich versteifte. Er stand kerzengrade neben ihr und jeder Muskel war angespannt. Eine hübsche, junge und unübersehbar schwangere Frau kam aus der Küche. Als sie Sebastian entdeckte, kam sie schnell auf ihn zu, umarmte ihn und küsste ihn auf die Wange. „Schön dich zu sehen“, sagte sie und lachte über das ganze Gesicht. „Und du hast auch noch jemand mitgebracht. Das ist eine Premiere.“ Sie begrüßte Anne freundlich und stellte sich vor. „Ich bin Sarah, mein Mann Paul und Sebastian sind befreundet.“ „Ich bin Anne, Sebastian hilft mir bei der Weihnachtsvorbereitung. Deshalb waren wir in der Stadt. Wir haben Spielsachen eingekauft.“ Anne hatte den Satz gerade beendet, als ein Glas klirrend am Boden zersprang. Sarah lachte, als Anne sich erschrocken umsah. „Kein Grund zur Panik. Paul hat nur ein Glas fallen lassen. Weihnachten und Sebastian, der Gedanke hat ihn wohl umgehauen. Aber genug gealbert, kommt ich zeige euch den Tisch, an dem ihr es euch gemütlich machen könnt. Die Speisekarte kommt auch gleich.“

Sebastian fragte sich, was er sich dabei gedacht hatte, Anne mit hierher zu bringen. Er besuchte Paul nur selten. Meist kam Paul zu ihm. Und jetzt auch noch eine Frau mitzubringen, war keine gute Idee. Anne entschuldigte sich, weil sie erst einmal zur Toilette musste und Paul nutzte die Gelegenheit, seinem Freund auf die Schulter zu klopfen und ihm zu der süßen Freundin zu gratulieren. „Sie macht einen sehr netten Eindruck. Nicht so wie die anderen Frauen, mit denen man dich auf den Titelseiten sieht“, sagte Paul leise. „Es ist nicht das, was du denkst“, grummelte Sebastian. „Na, wenn du es sagst“, kam es lachend von Paul. Sebastian stieß wütend hervor: „Sie ist die Frau, der ich zum Jahresende das Hotel wegnehme. Ich habe dir doch von meinem neuesten Projekt erzählt.“ Erschüttert ließ sich Paul auf einen Stuhl sinken. „Sie weiß das doch sicher. Warum geht sie dann mit dir aus?“ Schnell erzählte Sebastian von der Wunschzettelaktion und der Einkauftour, er berichtete aber auch von ihren Schwierigkeiten mit dem Bürgermeister und dem Kinderheim. „Wo bleibt sie eigentlich“, fragte er sich verwundert. Anne hätte schon lange wieder da sein müssen. Aber sie war weit und breit nicht zu entdecken. Gerade als er aufstehen wollte, um nach ihr zu sehen, kam Anne lachend aus der Küche, dicht gefolgt von Sarah.

Als Anne sich gesetzt hatte, meinte Sarah: „Deine Freundin möchte Kartoffelauflauf und Salat und was willst du? Aber bitte nur, was auf der Speisekarte steht.“ Sie lachte ihn an und Sebastian fragte sich, was gerade in ihrem Kopf herumging. Er bestellte das Gleiche, weil es sein Lieblingsessen war. Seltsam oder? Sarah verschwand wieder in der Küche und Paul hinter der Theke, um die Getränke zu holen. Sebastian und Anne blieben allein zurück und schwiegen sich an. Beide waren unsicher und verlegen. „Es tut mir leid Anne, ich habe dir den ganzen Tag verdorben.“ Ein besserer Gesprächsbeginn fiel Sebastian nicht ein. „Ich hätte dich nicht mit meinen Problemen und Gedanken belästigen sollen.“ Anne hob die Hand. „Nun mal langsam. Du musst dich nicht entschuldigen. Im Auto wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Das ging heute einfach alles viel zu schnell.“ Sie war froh, dass in dem Moment Paul ihre Getränke brachte. Ihr Mund war ganz trocken und schnell trank sie einen Schluck Wasser aus ihrem Glas. Als Paul wieder gegangen war, fuhr sie fort: „Dafür, dass du selten über dich redest, hast du es heute sehr gut hinbekommen. Ich hatte förmlich den Modergeruch in der Nase. Danke, dass du so offen zu mir warst. Und danke, dass du mich mit zu deinen Freunden genommen hast. Sie sind sehr nett.“ Sebastian fiel ein Stein vom Herzen. „Ich werde dich nicht mehr überrumpeln, das verspreche ich dir“, sagte er feierlich. Anne nickte, dachte aber, dass sie sich gern ab und zu überrumpeln ließe.

Eine Stunde später mussten sie los. Anne umarmte Sarah und versprach, sich zu melden. Sie mochte Sarah und wollte sie gern wiedersehen. Der Rückweg ging für Sebastians Geschmack viel zu schnell. Bald schon standen sie wieder im Hotel. Der Alltag hatte sie wieder. Mittlerweile hatte Anne Kopfschmerzen. Sie würde sich einen Augenblick hinlegen und dann den großen Saal vorbereiten. Dort sollte die große Geschenkeaktion stattfinden.

Als sie um 19 Uhr den großen Saal betrat, hatten sich fast alle erwachsenen Gäste des Hotels eingefunden und auch einige Angestellte vom Hotel, die dienstfrei hatten. Die Geschenke waren pünktlich eingetroffen und nun konnten sie beginnen. Sebastian hatte Stationen aufgebaut, wie Anne verwundert feststellte. So wurden immer die passenden Geschenke zum Tisch gebracht, eingewickelt und mit Kärtchen versehen. Danach kamen die Geschenke auf die Tische, die an einer Wandseite aufgestellt waren. Jeder konnte sich nun nach seinen Fähigkeiten beteiligen. Im Hintergrund erklang leise Weihnachtsmusik und an der Stirnwand des Saals standen Getränke und Knabbereien bereit. Anne war ganz in ihrem Element. Sie liebte es Geschenke einzuwickeln und mit Schleifchen und Stickern zu versehen. Als das letzte Päckchen eingewickelt war, sah Anne auf die Uhr. Es war 23:20 Uhr geworden. Die Zeit war so schnell verflogen. „Ich komme mir vor, wie ein Wichtel vom Weihnachtsmann!“ Herr Leinhaus sah seine Frau an und sprach weiter: „Und nun, meine geliebte Weihnachtselfe, lass uns in unser Zimmer gehen. Die Arbeit ist getan.“ Alle lachten und nach und nach zogen sich die Gäste auf ihre Zimmer zurück.

„Was für ein Tag“, stöhnte Anne. „Ich fühle mich putzmunter, aber auch todmüde. Ich könnte bei dem Gedanken an die Freude der Kinder lachen. Aber eigentlich ist mir nach weinen zumute. Verrückt oder? Ich kann nicht fröhlich und traurig sein. Nicht munter und müde.“ „Doch“, sagte Sebastian lachend. „Das geht alles, wenn du Schrödingers Katze bist.“ „Die ist doch tot. Stand in dem Wunschzettel. Vergiftet mit Rattengift“, sagte Anne ernst. Sebastian lachte nur um so mehr. „Kennst du Schrödingers Katze nicht? Das ist ein Gedankenexperiment des Herrn Schrödinger zur Quantenmechanik.“ Nun musste auch Anne lachen. Davon hatte sie schon gehört. „Du hast recht“, sagte sie. „So, nun aber Schluss für heute. Gute Nacht Sebastian, und danke für alles.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. Er hielt sie fest, sah ihr in die Augen und küsste sie ganz leicht auf den Mund. „Schlaf gut, Anne.“ Nun ließ er sie los und ging.



Kapitel 23
23. Dezember

Um 6 Uhr kam Tina ins Zimmer ihrer Mutter. „Mami, ich kann nicht mehr schlafen. Erzählst du mir, was wir heute machen? Mami, hör doch.“ Tina hopste auf das Bett. „Warum könnt ihr schlafen, wenn doch Heiligabend fast da ist? Ich kann das nicht aushalten. Mami, ich platze gleich vor Aufregung.“ Anne wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte, wie so oft in den letzten Monaten. Chris war genauso zappelig gewesen, wie Tina. Aber Anne war nicht mehr so ausgeglichen, wie noch vor ein paar Jahren. Tina ließ nicht locker. Sie verteilte Küsschen auf Annes Gesicht. „Ich weiß, dass du wach bist, Mami.“ Ergeben öffnete Anne die Augen. „Tina, ich bin müde, weil ich erst nach Mitternacht ins Bett gekommen bin. Es gab so viel vorzubereiten. Und ich verrate dir nicht, was wir heute machen, denn ich weiß es nicht. Der Zettel heute ist auch für mich eine Überraschung.“

Und das war die Wahrheit. Gestern hatte sie eine Nachricht bekommen, die an einem verschlossenen Briefumschlag hing. Niemand wusste, wer sie abgegeben hatte, sie lag einfach an der Rezeption. Auf der Nachricht stand: „Hallo, ich überbringe eine wichtige Nachricht von meiner Chefin. Sie ist der Meinung, dass sie auch einmal etwas zur Adventszeit beitragen darf. Deshalb schickt sie durch mich diesen Umschlag. Er soll hinter das Türchen mit der Nummer 23 gelegt werden. Es wäre schade, wenn das nicht geschieht. Gruß Finn, Weihnachtself“. Und nun lag dieser Umschlag da, wo er liegen sollte und Anne war genauso gespannt wie Tina.

Nach dem Frühstück versammelten sich alle vor dem Adventskalender. Anne öffnete diesmal selber das Türchen. Ihr waren Bedenken gekommen. Vielleicht kam das ja vom Bürgermeister und es steckte etwas Boshaftes dahinter. Konnte man alles nicht wissen. Sie nahm den Brief vorsichtig aus dem Umschlag, faltete ihn auseinander und bekam große Augen.
<b>Auch Männer können lieb und aufmerksam sein!</b>

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24. Dezember

Beitrag von sweetums » 23.12.2017, 21:35

Anne las den Brief laut vor:

„Liebe Gäste,
ich bin für sie alle wahrscheinlich eine Unbekannte. Aber in diesem Jahr wollte ich auch gern einmal etwas für die Menschen tun. Natürlich verfüge ich nicht über die Fähigkeiten meines Mannes, aber ich habe auch Talente, die ich genutzt habe. Sie alle sind heute Nachmittag um 15:00 Uhr ins Kinderheim eingeladen. Die Kinder und meine Wenigkeit haben ein Weihnachtsstück eingeübt. Es heißt: „Kennt ihr die frohe Botschaft?“ Seid herzlich eingeladen. Weihnachtliche Grüße, die Frau vom Weihnachtsmann.“

Die Gäste schmunzelten. Die Idee war gut und alle wollten am Nachmittag dabei sein. Bis dahin hatte Anne noch viel zu erledigen. Sie hatte das Gefühl überall gleichzeitig zu sein. Als sie am frühen Nachmittag aus dem Büro kam, sah sie Tina und Sebastian in der Sitzecke sitzen. Sie hatten sich beide über etwas gebeugt, dass Anne nicht sehen konnte. Im Näherkommen hörte sie Sebastian sagen: „Du bist ein sehr hübsches Mädchen. Alle Bilder sind wunderschön, aber das hier, finde ich am Besten.“ Tina sah auf das Bild und fragte scheu: „Obwohl ich da noch ganz viel Babyfett habe?“ „Babyfett?“ Sebastian wusste nicht so recht, was sie damit meinte. „Sie meint Babyspeck“, erklärte Anne. „Mami ich zeige Sebastian gerade mein Fotobuch. Er sagt, ich bin hübsch.“ Anne lächelte ihre Tochter liebevoll an. „Da hat er recht, du bist ein hübsches kleines Mädchen. Und dieses hübsche kleine Mädchen nimmt jetzt die Fotos und geht zu Tante Sigrid. Du hast ein ganz verschmiertes Gesicht und deine Zöpfe lösen sich auf. In 30 Minuten machen wir uns auf den Weg.“ Wie der Blitz war Tina verschwunden. „Du hast deine Kinder gut erzogen.“ Sebastian sah Tina hinterher. „Chris und Tina sind ausgeglichen, höflich und freundlich. Genau wie du.“

Anne wechselte das Thema. „Hast du schon dein Weihnachtsmannkostüm? Wir haben heute Abend auch noch einiges umzuräumen. Du wolltest mir dabei helfen.“ Sebastian hatte es nicht vergessen. „Ja ich habe das Kostüm schon und unser Date heute Abend habe ich auch nicht vergessen.“ Anne wurde rot und wollte gerade widersprechen, als Sebastian lachend einlenkte: „Ich meine unser Arbeitstreffen heute Abend.“ Tina kam zurück. „Ich habe meinen Ohrring verloren.“ Sie war den Tränen nah. „Ich hab nur noch einen. Aber beim Mittagessen hatte ich noch beide.“ Vielleicht liegt er auf dem Fußboden.“ Alle drei begannen zu suchen. Aber auf dem Fußboden lag er nicht. „Der kann doch nicht einfach weg sein“, jammerte Tina. Sebastian suchte auf dem Sofa, er hob die Kissen hoch, nichts. Dann kam ihm ein Gedanke, den er gleich in die Tat umsetzte. Lachend hielt er Tina im nächsten Augenblick den Ohrring vor die Nase. „Er war in die Sofaritze gerutscht.“ Tina fiel ihm um den Hals und gab ihm einen dicken Schmatz auf die Wange. Dann rannte sie mit dem Ohrring in der Hand zu Tante Sigrid.

Sebastian sah ihr nach. Ihm war ganz seltsam zumute. Und war da nicht gerade wieder dieses seltsame „pling“ gewesen? Gut das in dem Augenblick die ersten Gäste in die Halle kamen. So hatte er Ablenkung und musste sich mit diesem „pling“ nicht auseinandersetzen.

Pünktlich kamen sie im Kinderheim an. Sie wurden in den großen Speisesaal gebeten. An einer Seite war eine kleine Bühne aufgebaut und davor standen mehrere Reihen Stühle. Christina begrüßte sie freundlich, aber von den Kindern war niemand zu sehen. Es war merkwürdig leise im Haus. Als alle Platz genommen hatten, läutete irgendwo ein kleines Glöckchen. Das Spiel konnte beginnen. Der Vorhang wurde zur Seite gezogen und ein Kind war zu sehen. Es saß auf einem Hocker und kaute an einem Stück trocknem Brot. Dann kamen weitere Kinder ins Bild. Eines spielte die Mutter, eines den Vater. Man konnte spüren, wie aufgeregt die Kinder waren. Aber ihr Publikum war so begeistert von dem Stück, dass die Kinder ihre Aufregung bald vergaßen.

In dem Stück ging es um einen kleinen Jungen, der ganz arm war. Eines Tages hörte er von dem Königskind, das geboren worden war. Er wollte das Kind gern sehen und so bat er seine Eltern, mit ihm in die Stadt zu gehen. Zuerst wollten die Eltern nicht, aber dann willigten sie ein. Der Vater hatte ein paar Hühner geschlachtet. Die wollte er unterwegs verkaufen, damit sie eine Unterkunft bezahlen konnten. Sie trafen auf ihrem Weg viele Menschen, die genauso arm waren, wie sie selber. Alle hatten Hunger, und keiner konnte eine Nacht in einer Herberge bezahlen. Aber alle hatten die Botschaft gehört, dass Gottes Sohn geboren war. Und ihn wollten sie sehen, egal was geschah. Der Vater des kleinen Jungen gab seine Hühner her, damit daraus eine Suppe gekocht werden konnte. Alle teilten miteinander und so wurden auch alle satt. Als sie den Stall endlich erreichten, und das Kind in der Krippe sahen, fühlten sie sich reich beschenkt. Sie spürten Liebe und Hoffnung. Der kleine Junge sagte: „Das ist die Botschaft für Weihnachten. Es ist ein Fest der Liebe, wo niemand an sich denken sollte. Liebe wird nie weniger, wenn man sie teilt, sondern mehr.“

Das Stück war zu Ende und einen Moment herrschte Stille. Viele waren tief bewegt vom Spiel der Kinder und der Botschaft, die sie vermittelt hatten. Dann brach der Applaus los. Alle standen auf und klatschten. Die Kinder waren ganz stolz. Hatten sie das Stück doch selbst erfunden. Sie verbeugten sich und lachten. Anne hatte Tränen in den Augen. Das war ein wunderbares Stück gewesen. Die Kinder hopsten von der Bühne und stürzten sich auf Kakao und Kuchen. Die Zuschauer folgten langsamer. Tina zupfte ihrer Mutter am Ärmel. „Mami das war cool oder?“ „Ja das war ein ganz besonders schönes Weihnachtsstück“, bestätigte Anne.

Als die Hotelgäste später ins Hotel zurückfuhren, waren sich alle einig: Der Nachmittag hatte sich gelohnt. Frau Leinhaus sagte zu ihrem Mann: „Also ich möchte im nächsten Jahr wieder über Weihnachten hierher fahren. In keinem Hotel gibt es so etwas unbeschreiblich Schönes. Man hat das Gefühl, der Geist der Weihnacht würde hier im Hotel leben.“ „Vielleicht tut er das ja auch“, erwiderte ihr Mann und sah dabei augenzwinkernd zu Anne. Anne lächelte, obwohl ihr zum Weinen war. Im nächsten Jahr war sie nicht mehr hier. Wer weiß, wie es dann hier zugehen würde. Mit Tennisplätzen und Schwimmbad würde das Hotel ganz andere Gäste anziehen. Anne verabschiedete sich von den Gästen und ging in ihr Büro. Sie kontrollierte noch einmal alle Listen und vergewisserte sich, dass sie nichts vergessen hatte.

Nach dem Abendessen traf sie sich mit Sebastian im großen Saal. Sie räumten gemeinsam um, schleppten Dekomaterial und kurz vor Mitternacht waren sie fertig. Es sah genial aus. Schöner noch, als Anne es sich vorgestellt hatte. Sebastian griff nach ihrer Hand: „Anne, ich muss mit dir reden.“ „Bitte Sebastian, dazu ist es heute zu spät. Ich bin so müde, dass ich gleich umfalle. Lass uns morgen reden, in Ordnung?“ Nein, das war nicht in Ordnung, aber Sebastian konnte sie ja nicht zwingen. „In Ordnung, können wir dann morgen früh reden?“ Anne nickte und verließ schnell den Raum. Sie wollte nur noch schlafen.



Kapitel 24
24. Dezember

Chris und Tina liefen schon ganz früh lachend und singend durch die Wohnung. Tante Sigrid war in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Nur Anne war in keiner guten Stimmung und aufstehen wollte sie auch nicht. Sie hatte Angst vor dem Gespräch mit Sebastian. Dabei war sie eigentlich kein Feigling. Was wollte er von ihr? Was gab es noch zu besprechen? Ihre Wege würden sich trennen. Er würde zurück zu seiner Arbeit gehen und weitere Hotels kaufen. Sie würde sich Arbeit suchen und mit ihrer Tante und den Kindern in eine Wohnung ziehen. Da war gar nichts mehr zu besprechen. Das Telefon klingelte und Tante Sigrid kam kurz darauf ins Zimmer. „Guten Morgen, Manuel hat gerade angerufen. In der Küche gibt es Probleme. Irgendwelche Lebensmittel sind nicht da. Du möchtest bitte gleich runterkommen.“ Anne stand schnell auf und rannte ins Bad. Zehn Minuten später verließ sie die Wohnung und eilte in die Küche.

Manuel war schon ganz verzweifelt. Das Fleisch für den Weihnachtsbraten war nicht geliefert worden. Der Händler meinte, er hätte die Bestellung nie bekommen. Anne hängte sich ans Telefon und nach 20 Minuten hatte sie einen Händler gefunden, der ihr das Fleisch verkaufen konnte. Aber er würde nicht liefern. Ihr blieb nichts anderes übrig, als es abzuholen. Unterwegs dachte sie kurz an Sebastian. Er würde sie sicher schon suchen. Aber das mit dem Fleisch war höhere Gewalt, dafür konnte sie ja nichts. Zwei Stunden später war sie zurück. Manuel machte sich gleich an die Arbeit und Anne ging ins Büro. An der Tür klebte ein Zettel: „Liebe Anne, muss wegen eines Notfalls in die Firma. Bin hoffentlich pünktlich zur Bescherung wieder da. Sebastian.“

Das war ein Albtraum. Wieder einmal. Anne ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen und begann zu weinen. Sie hatte die letzten Tage so unter Spannung gestanden, dass sie sich nun wie leer fühlte, ausgebrannt. Was hatte sie eigentlich getan, dass ihr Leben so ein Durcheinander war? Worauf hatte sie sich eingelassen, als sie Sebastian einen Teil der Verantwortung abgegeben hatte? Nun stand sie wahrscheinlich allein da. Ihre Weihnachtsstimmung war verflogen. Wie sehr hatte sie sich einen schönen Abschluss gewünscht. Alle sollten noch lange an ihren Urlaub im Hotel zurückdenken. Aber positiv, nicht an das Fiasko, was es heute Abend sicher geben würde. Er würde nicht pünktlich da sein. Auch er würde sie im Stich lassen. Sie war ihm doch völlig egal. Für Anne brach gerade ihre Welt zusammen. Heiße Tränen rannen über ihr Gesicht. Heftige Schluchzer schüttelten ihren Körper. Ihre Gedanken drehten sich nur noch um einen einzigen Satz: „Du hast verloren, wieder einmal.“

Anne schrak zusammen, als jemand sie schüttelte. „Kind, was ist los mit dir. Beruhige dich. Du bist ja vollkommen aufgelöst. Die Gäste warten schon in der Halle. Sie möchten wissen, was hinter dem letzten Türchen ist.“ Tante Sigrid reichte ihr ein Taschentuch. „Wenn es dir Recht ist, übernehme ich das und du gehst dein Gesicht waschen. Anschließend müssen wir uns unterhalten. Verstanden?“ Automatisch nickte Anne. Wenn Tante Sigrid diesen Ton anschlug, gehorchte man besser.

Sigrid ging zu den Gästen. „Heute darf ich mit ihnen das Türchen öffnen. Meine Nichte ist leider nicht abkömmlich und lässt sich entschuldigen. Wer ist denn das jüngste Mitglied unserer Adventskalender-Gemeinschaft?“ Eine junge Frau schob ihren kleinen Sohn nach vorn. „Ich denke, Dirk. Er ist erst drei Jahre alt.“ Sigrid zeigte dem kleinen Dirk, welches Türchen er öffnen sollte. Ganz stolz holte er den Brief heraus und gab ihn Sigrid. Die las ihn vor:

„Nun ist es so weit. Der Heiligabend steht unmittelbar bevor. Weil ihr alle so liebenswerte Gäste seid, die auch an andere denken, habe ich eine Überraschung für euch. Ich werde heute Abend persönlich zu euch kommen und die Geschenke übergeben. Ich erwarte euch nach dem Abendessen um Punkt 19 Uhr vor der Tür zum großen Saal. Eintreten dürft ihr erst, wenn die Glocken läuten.
Ich freue mich auf euch.
Euer Weihnachtsmann.“

Die Kinder klatschten begeistert in die Hände, die Erwachsenen sahen lächelnd zu. Das würde ein unvergesslicher Abend werden, da waren sie sicher.

Auch Anne war sicher, dass der Abend unvergesslich sein würde. Weil er total daneben gehen würde. Wieder traten ihr die Tränen in die Augen. Sie lernte auch nicht dazu. Man konnte sich nur auf sich selber verlassen, auf keinen anderen. Gerade griff sie nach ihrem Taschentuch, als ihre Tante in den Raum trat. „So, jetzt mal raus mit der Sprache, wieso diese Niagarafälle?“ Es sprudelte nur so aus Anne heraus. Dass Sebastian sich erst in die Vorbereitungen geschlichen hatte, um sie dann im Stich zu lassen. Dass seine Firma wichtiger sei, als die Freude der Kinder usw.

Tante Sigrid ließ sie reden. Erst als Anne erschöpft innehielt, sagte sie: „Anne, du musst die Vergangenheit loslassen. Du darfst nicht jeden Mann mit deinem verstorbenen Mann vergleichen. Warum glaubst du, dass Sebastian dich im Stich lässt? Weil er es schon einmal getan hat? Nein, weil dein Mann das immer so gemacht hat. Warum vertraust du ihm nicht erst einmal? Er hat dir in den letzten Tagen so viel geholfen, hat er da nicht etwas mehr verdient, als Misstrauen und Beschuldigungen? Anne, ich liebe dich, das weißt du. Und ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst. Aber ich sehe nicht zu, wie du dich kaputtmachst. Du vergräbst dich in einer selbst gewählten Einsamkeit und versinkst in Selbstmitleid. Das passt nicht zu dir.“ Sigrid nahm Anne in die Arme. „Anne, ich weiß, dass viel auf deinen Schultern lastet, aber du musst nicht alles allein tragen. Ich lasse dich jetzt einen Moment allein, dann kannst du darüber nachdenken, was du tun willst. Aber ich erwarte auch von dir, dass du das Richtige tust. Die Kinder freuen sich auf heute Abend, die Gäste freuen sich und die Kinder aus dem Heim. Alles ist vorbereitet, jetzt kannst du keinen Rückzieher machen und dich verstecken. Du bist stark und mutig. Vertrau Sebastian und freu dich auf einen wundervollen Heiligabend.“

Tante Sigrid ging und Anne saß eine Weile schweigend da. Sie hatte recht, wie so oft. Anne hatte ihrem verstorbenen Mann vergeben, aber sie konnte nicht loslassen, nicht vergessen und das fraß an ihr. Allein würde sie ihm auch nicht vergeben können. Anne faltete die Hände und begann zu beten: „Herr, du kamst auf diese Welt um unsere Schuld auf dich zu nehmen. Du bist gestorben, weil wir gesündigt haben. Heute Abend feiern wir deine Geburt. Ein Fest der Freude, aber ich kann mich nicht freuen, weil ich nicht loslassen kann. Ich habe meinem Mann vergeben, aber ich kann nicht loslassen. Ich weiß nicht wie. Bitte hilf mir dabei. Zeig du mir, wie ich das lernen kann. Wie ich lerne, Vergangenes hinter mir zu lassen und wieder zu vertrauen. Und hilf bitte, dass dieser Abend gelingt, für die Einsamen und die Kinder. Amen.“ Anne atmete tief ein. Sie musste an die Arbeit gehen, ein fröhliches Gesicht machen. Sie musste sich zusammenreißen, dann würde es auch gehen.

Das Abendessen wurde gerade aufgetragen, als Sebastian strahlend in den Speisesaal trat. Er ging sofort auf Anne zu und begrüßte sie fröhlich. „Es hat alles geklappt. Ich bin mit dem Hubschrauber geflogen, damit es schneller geht. Ich bin schon ganz aufgeregt. Schlimmer wahrscheinlich, als die Kinder.“ Er lachte, „du denkst bestimmt, ich bin verrückt. Vielleicht hast du damit recht, aber ich habe so etwas noch nie gemacht. Ich gehe mich umziehen. Bin viel zu aufgeregt zum Essen. Bis nachher.“ Und schon war er wieder verschwunden. Anne stand da, sah ihm nach und schämte sich. Sie hatte ihm unrecht getan, das musste sie ihm sagen und sich entschuldigen. Nachher, wenn die Bescherung vorbei war. Jetzt musste sie ihren Leuten helfen. Durch die Alleinstehenden und die Waisenkinder war der Saal so voll, wie sonst nie. Da wurde jede Hand gebraucht. Aber es machte Freude im Speisesaal zu bedienen. Die Stimmung war fröhlich und erwartungsvolle Spannung lag in der Luft. Es war ansteckend und bald lachte und scherzte Anne, wie eh und je.

Um 19 Uhr versammelten sich alle vor der Tür zum großen Saal. Die Glocken erklangen und die großen Doppeltüren wurden geöffnet. Den Kindern blieb der Mund offen stehen. Eine Winterlandschaft erwartete sie. Eisberge und Iglus aus Styropor säumten sie Wände. Ein riesiger Schlitten voller Geschenke stand neben einem großen Thron, auf dem der Weihnachtsmann saß. Weihnachtselfen standen bereit, um ihm zu helfen. Alles war mit glitzernden Sternen und Lichtern dekoriert. Stühle waren aufgestellt und alle wurden gebeten, sich zu setzen.

Der Weihnachtsmann begrüßte alle und schlug vor, erst einmal ein Weihnachtslied zu singen. Alle sangen mit und besonders die Kinder waren begeistert bei der Sache. Nach dem Lied brachte eine Weihnachtselfe dem Weihnachtsmann ein dickes Buch.
Er schlug das Buch auf und sagte: „ Hier steht, dass Micha einen Wunschzettel an mich geschrieben hat. Und hier steht auch, dass Micha ein freundlicher Junge ist, der im Kinderheim freiwillig mithilft. Micha bist du da? Wenn ja, dann komm doch bitte mal zu mir.“ Etwas ängstlich stand Micha auf und ging zum Weihnachtsmann. „Weil du so ein braver Junge bist, darfst du zu meinen Elfen gehen und dir dein Geschenk abholen.“ Das ließ sich Micha nicht zweimal sagen und rannte zum Schlitten. Er bekam ein großes Paket und strahlte. „Die Carrerabahn, ich habe die Carrerabahn bekommen. Danke Weihnachtsmann.“

Der Weihnachtsmann nickte lächelnd und rief das nächste Kind auf. Auf diese Weise bekam Susi ihr Prinzessinnenkleid, Gudrun, die Jacke für ihre Puppe und dazu noch eine komplette Puppenausstattung. Zoe bekam gleich vier Bücher und ihr kleiner Bruder Florian einen Teddy, der brummen konnte. Walter konnte sich über das Piratenschiff und die Piraten freuen. Dann rief der Weihnachtsmann Tim nach vorn.
„Du hast dir etwas für deinen Freund gewünscht. Deshalb darfst du es auch deinem Freund schenken. Hol dir den Korb vom Schlitten und gib ihn Leonard.“ Tim strahlte, als er Leonard den Korb mit dem Kätzchen übergab. Anne musste mit den Tränen kämpfen. Was für ein lieber kleiner Kerl. Für sich hatte er nichts gewünscht. Sebastian rief Tim aber noch einmal zu sich. „Auf dem Schlitten liegt ein Paket mit deinem Namen. Deine Mama hat mir gesagt, dass du gern mit Lego spielst. Meine Elfen und ich dachten, vielleicht gefällt dir ja der Raumkreuzer, den wir eingepackt haben. Tim konnte es gar nicht fassen, dass er auch etwas bekommen hatte. Er lief zum Weihnachtsmann und umarmte ihn. Zum Schluss kamen Chris und Tina dran. Der Weihnachtsmann rief sie zu sich und übergab Chris einen Umschlag. Dann sagte er: „Deinen Wunsch konnte ich erfüllen, Chris. An dem von Tina arbeite ich noch. Aber vielleicht erfüllt er sich ja im nächsten Jahr. Für euch beide liegen aber auch Geschenke auf dem Schlitten. Holt sie euch und viel Spaß damit.“ Anne war verwirrt, aber sie konnte Sebastian ja schlecht vor allen Gästen um eine Erklärung bitten. Sie sah ihre Kinder an, die tuschelten und sich dann angrinsten. Die Elfen übergaben ihnen je ein Paket und die Kinder bedankten sich artig.

Als alle Kinder ihre Geschenke bekommen hatten, wurden die Erwachsenen beschenkt. Auch die Hotelgäste bekamen je ein Päckchen. Zwischendurch wurde gesungen, geredet und gelacht. Bevor die Kinder ins Kinderheim zurückgebracht wurden, las Anne noch die Weihnachtsgeschichte. Danach war die Feier zu Ende. Anne musste viele Hände schütteln. Alle wollten sich persönlich verabschieden und sich bedanken. Heiligabend im Hotel war ein voller Erfolg. Anne freute sich, dass alles so gut geklappt hatte. Als sie sich nach ihren Kindern umsah, stellte sie fest, dass Tina auf ihrem Stuhl eingeschlafen war. Sie nahm ihre kleine Tochter auf den Arm und brachte sie ins Bett. Chris war ihr gefolgt und hielt ihr den Brief hin. „Mein Weihnachtswunsch für dich. Der Weihnachtsmann hat ihn erfüllt, irgendwie.“ Anne nahm den Brief und las: „Liebe Anne, du kennst das Hotel und das Personal, wie keine andere. Deshalb möchte ich dich bitten, dass du als Managerin für mich arbeitest. Du und deine Familie könnt auch weiter im Hotel wohnen bleiben. Nach den Feiertagen werde ich dir den Vertrag vorlegen. Gruß Sebastian.“
„Ist doch genial Mami. Wir können hierbleiben. Der Weihnachtsmann ist klasse. Nur Tinas Wunsch hat er nicht erfüllt, noch nicht. Er hat gesagt, er arbeitet daran. Ich geh dann schlafen. Gute Nacht Mami.“ Chris umarmte sie und ging.

Anne starte auf den Brief. Sie fühlte sich hin und her gerissen. Auf der einen Seite freute sie sich, dass sie im Hotel bleiben konnte. Auf der anderen Seite hatte sie sich etwas anderes erhofft. Sie machte sich auf die Suche nach Sebastian, um ihm zu danken. Er saß im großen Saal am Tisch und sah gedankenverloren vor sich hin. Als er Anne bemerkte, stand er auf und kam auf sie zu. „Danke Sebastian, für das mehr als großzügige Geschenk. Ich …“ Ihr Handy klingelte. Christina war dran. „Anne kannst du mir Sebastians Handynummer geben? Ich muss mich bei ihm bedanken. Er hat Zoe einen Brief für mich gegeben, den sie mir aber erst im Heim geben sollte. Dieser verrückte Mensch hat das Haus von der Stadt gekauft und wird es renovieren lassen. Wir dürfen mietfrei darin wohnen und bekommen sogar noch einen Zuschuss von ihm.“ Anne reichte das Handy an Sebastian weiter. Sie war ganz verwirrt. Sebastian war nicht mehr Sebastian. Es war wie ein Weihnachtswunder. Oh nein, Anne schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Sie hatte etwas vergessen. Schnell rannte sie in ihr Büro und holte das Paket aus dem Schreibtisch. Als sie zurückkam, hatte Sebastian das Gespräch gerade beendet. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Sebastian. Du solltest das schon heute Morgen bekommen, aber es ging alles Drunter und Drüber, da hätte ich es fast vergessen.“

Sebastian sah ungläubig auf das Paket. Sie hatte an seinen Geburtstag gedacht. Vorsichtig wickelte er das Geschenk aus. Es war ein selbst gestrickter Pullover.“ „Gefällt er dir?“ Anne sah ihn unsicher an. „Ja, er gefällt mir, danke Anne.“ Er betrachtete den Pullover von allen Seiten. „Mein schönstes Geburtstagsgeschenk“, sagte er und lächelte sie an. „So und nun müssen wir reden. Deine Tochter hatte einen Weihnachtswunsch, den ich nur allzu gern erfüllen möchte. Aber ich habe ihr schon gesagt, dass es in diesem Jahr zu früh ist. Außerdem hängt es nicht nur von mir ab, sondern auch von dir.“ „Was hat sie sich denn gewünscht?“, fragte Anne misstrauisch. „Einen Papa für sich und Chris und einen Mann für ihre Mama. Ich bewerbe mich für beides, wenn du mich willst. Anne, ich habe mich in dich verliebt. Und ich möchte mit dir zusammen sein. Aber bevor ich dir einen Antrag mache, solltest du mich besser kennenlernen. Wir lassen uns Zeit und sehen, was passiert.“
Anne schluckte, dann sagte sie: Das ist mein schönstes Weihnachten seid Langem. Ich habe mich auch in dich verliebt und ich habe mir so gewünscht, dass du mich auch magst.“ „Mögen ist nicht das richtige Wort, ich liebe dich.“ Er zog sie in seine Arme und sie ließ es geschehen. Sie fühlte sich wohl in seinen Armen, geborgen und sicher. Anne lächelte, sie hatte ihr Weihnachtswunder bekommen.



Epilog
Drei Jahre später

„Wow, ist der winzig“, sagte Tina, als sie ihren kleinen Bruder betrachtete. Benjamin war erst zwei Stunden alt und interessierte sich noch nicht für seine Schwester. Auch nicht für den großen Bruder, der ihn so neugierig ansah. Er wollte nur trinken. Und als er die Quelle nicht gleich fand, begann er zu schreien. Sebastian küsste Anne zärtlich auf den Mund. „Unser Sohn hat aber extrem gute Lungen“, sagte er lachend. Da konnte Anne ihm nur zustimmen. Liebevoll sah sie von einem zum anderen. Das war ihre Familie, die Menschen die sie liebte und von denen sie geliebt wurde.

Seid gut zwei Jahren, waren sie verheiratet. Sebastian hatte ihr zur Hochzeit das Hotel überschrieben. Das hatte er schon an ihrem ersten Weihnachtsfest vorgehabt, aber da hätte sie es nicht angenommen. Sebastian hatte auch ihre Kinder adoptiert. Er liebte sie, als wären es seine leiblichen Kinder. Mehr konnte eine Frau nicht erwarten. Anne hatte ihm keine so großartigen Geschenke machen können und das hatte sie bedrückt. Sebastian hatte sie an ihrem Hochzeitstag darüber aufgeklärt, dass er das beste aller Geschenke von ihr bekommen hatte. Er hatte gesagt: „Anne, seid ich dich kenne, hat ständig etwas „pling“ gemacht. Aber ich wusste nicht, was es war. Als wir uns nach der Trauung küssten, gab es ein ohrenbetäubendes „pling“ und da war mir klar, was es damit auf sich hatte. Mein Herz war gefroren und durch dich bekam die Eisschicht Risse und platzte auf. Daher das „pling“. Du hast mich davor bewahrt, ein herzloser Geschäftsmann zu werden. Ein schöneres Geschenk, als dich gibt es nicht.

Anne war gespannt, was ihre Familie in den nächsten Jahren so alles erleben würde. Aber das konnte man nicht voraussagen. Deshalb wollte sie sich jetzt lieber erst einmal auf das Hier und Jetzt konzentrieren.

Ende
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